Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 221
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1 as Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe
hat unlängst den hier in Abb. 1. wiedergegebenen
Kasten erworben, der zu einer außerhalb Spaniens nicht
eben häufig vorkommenden und darum vielfach noch
falsch bestimmten Gruppe nordostspanischer, genauer
catalonischer Arbeiten des XIV. und beginnenden
XV. Jahrhunderts gehört.

Der sarkophagartige Kasten von 43 cm Länge,
18,5 cm Breite und 90 cm Höhe ist aus starken Weich-
holzbrettern zusammengefügt und im Innern iiber
Kreidegrund rot bemalt, in der Farbe des bei mittel-
alterlichen geschnittenen und getriebenen Lederkäst-
chen üblichen roten Lederbezuges der Innenflächen.
Zwei lange eiserne Scharnierbänder von gotischer Pro-
filierung mit rund- und flachköpfigen Nägeln verbinden
den unteren Kastenteil mit dein oben abgeplatteten
Klappdeckel, dessen Bügelgriff nicht mehr vorhanden
ist. Vorder-, Rück- und Seitenwände des Kastens und
des Deckels sowie die obere Abplattung des Deckels
sind mit reliefierten Kupferblechstreifen benagelt, deren
Relief durch Einhämmern des Metalls in vorgeschnit-
tene Model gewonnen ist.

Es wiederholen sich mehrmals die folgenden sechs,
einen zusammenhängenden Streifen bildenden figür-
lichen Darstellungen unter gotischen Dreipaßbogen mit
gezackten Blättern in den Zwickeln, Ranken und
Fruchttrauben und ähnlich wie in den Zwickeln ge-
zackten Blättern auf dem Grund der Bildflächen:

1. Ein geflügeltes drachenartiges Fabeltier,

2. ein Mann, der einem rechts gewandten Löwen
das Maul auseinanderbricht,

3. ein links gewandter Mann mit holier Kopfbe-
deckung, Rundschild und Lanze im Fußkarnpf gegen
ein aufbäumendes Fabeltier,

4. ein Reiter nach links mit der Lanze einen
Drachen erstechend,

5. ein Reiter nach links mit Spitzhelm, einen Falken
auf der Faust, endlich

6. eine links gewandte Dame, die einen gewaltigen
Drachen zu beschwören scheint.

Alle sechs Darstellungen begleitet unten eine fort-
laufende Inschrift in gotischen Majuskeln

PER : AMOR : DE : MADONNA : ME : COMBAT
: AB : AQVESTA : VIBRA.

*

lch benutze die Gelegenheit der Veröffentlichung
dieses Kastens, der um das Jahr 1400 anzusetzen sein
wird, um auf einen an abgelegener und in Deutschland
schwer zugänglicher Stelle erschienenen Aufsatz von
Jose Gudiol hinzuweisen, in dem die Gruppe dieser
„cofrecillos o arquetas amatorias“, zu der unser Kasten
gehört, mit Abbildungen einer ganzen Anzahl von

Stücken in spanischem Kirchen-, Museums- und Privat-
besitz behandelt worden ist, indem ich eine Anzalil glei-
cher von Gudiol nur im Vorbeigehen erwähnter oder
ilnn ganz unbekannt gebliebener Stücke hier abbilde. ’)
Zugleich ist es möglich, die Gudiol bekannten Relief-
szenen um ein weiteres aus drei Bildfeldern bestehen-
des Beispiel zu vermehren.

Die Technik, reliefierte Streifen aus Silber- oder
Kupferblech aus vorgeschnittenen Hohlformen zu ge-
winnen, ist uralt, sie ist auch während des Mittelalters
und noch im XVI. Jahrhundert weit verbreitet und über-
all, auch in Italien und nördlich der Alpen vielfach geiibt.
In der Schedula diversarum artium des Theophilus wird
das Verfahren ausfiihrlieh erläutert.* 2)

Zumeist — und so auch in Spanien — dienen diese
gestanzten Reliefstreifen zur Verkleidung des Holz-
kernes kirchlicher Geräte wie Kreuze, Pyxiden, Reli-
quienschreinen usw., die Verwendung für Kästchen pro-
fanen Gebrauchs scheint eine nordostspanische Beson-
derheit geblieben zu sein. Hier müssen diese Kästchen,

3) Jose G u d i o 1, Una antigua produccion Catalana, Museum,
Revista mensual de arte Espanol antiguo y moderno y de la vida
artistica contemporanea. IV, S. 17—44. Barcelona 1914—15. Den
Nachweis verdanke ich Herrn Prof. Dr. Apfelstaedt, Münster i. W.
— Erst nach Drucklegung meines Aufsatzes ist mir die ebenfalls
im Anschluß an die Abhandlung von Jose Gudiol das gleiche
Thema behandelnde Abhandlung von W. L. H i 1 d b u r g h zuge-
gangenen: Some Examples of Catalan Medieval Stamped Sheet-
metalwork. The Antiquaries Journal, London Vol. II. No. 2
(April 1922). Hier wird ein Kasten des Victoria und Albert-
Museums, London, mit flachgewölbtem Deckel mit Beschlägen der
einfachsten, dreifeldrigen Form und der Unterschrift AMOR :
MERCE : SIVS : PLAV, ferner ein Kästchen mit dem gleichen
Beschlag auf den Deckel, und dem Beschlagstreifen des Ham-
burger Stückes auf dem Kasten und ein Kreuz mit Blattranken
und Figuren — beide oline Nennung des Aufbewahrungsortes —
abgebildet.

2) Buch III. Kap. 13: „Man bereitet auch Eisen, um Bildnisse,
Vögel, Tiere oder Blumen getrieben in Gold, Silber oder Kupfer
auszudriicken.“

Buch III. Kap. 74: „Auch werden Eisen von der Dicke eines
Fingers gemacht, drei oder vier Finger breit, einen Fuß Iang,
welche durchaus makellos sein müssen, so daß an ihnen kein
Flecken, keine Spaltung auf der oberen Seite sei. In diese werden
in der Art wie auf Siegeln schmalere und breitere Ränder ein-
gegraben, in welchen ßlumen, Tiere oder Vögelchen oder mit Hals
und Schwänzen verkettete Drachen seien. Sie mögen nicht all-
zutief, sondern nur etwas eingegraben werden und mit Fleiß. Dann
mache Silber, viel diinuer als bei der Arbeit des Treibens in be-
liebiger Länge, reinige es mit feinem Kohlenstaub und dem Tuche
und poliere es mit darüber geschabter Kreide. Ist dies geschehen,
so bringe auf jeden Rand Silber, lege das Eisen auf einen Amboß,
so daß das Gegrabene obenauf sei, auf dieses ist das Silber gelegt;
noch lege dickes Blei darauf und hämmere tüchtig mit dem Ham-
mer, so daß das Blei das dünne Silber so kräftig in die Gravierung
dränge, daß alle Linien darauf vollkommen erscheinen.“

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