Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 53
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwanderer1922_1923/0069
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die XV. taationale Kunßausffetlung tn dcv Sd)tüets

oon

lobannes UDidmetJsQenf

|\J ach langen Jahren wird der schweizerische Salon
~ wieder einmal in der Stadt des Völkerbundes ab-
gehalten und fällt zeitlich mit dessen dritter Tagung
zusammen. Der ganzen Lage und Geschichte unseres
Landes entsprechend zeigt die Schau interationale, viel-
leicht sogar übernationale Züge, und es ist denkbar,
daß die Teilnehmer an der Weltzusammenkunft Inter-
esse daran finden werden, sich da und dort selber
wiederzufinden und von solchen Stellen aus in das Ver-
ständnis genferischer, schweizerischer, zentraleuro-
päischer Kunst einzudringen.

Uns aber und unsere nächsten Nachbarn interes-
siert mehr, was für die Schweiz charakteristisch ist.
Seit vielelicht zwei Jahrzehnten hat sich besonders in
Deutschland und Österreich, einigermaßen aber auch
in Italien und Frankreich, ein fester Begriff gebildet:
das utid das ist schweizerische Kunst. In Deutschland
stützt sich dieser Begriff auf das Lebenswerk von drei
Malern: Hodler, Welti, Buri. Inzwischen sind mannig-
fache äußerlich und innerlich bedingte Wandlungen ein-
getreten, die das Bild verändert. In welchem Sinn und
Maße läßt sich eben aus der gegenwärtigen großen Ver-
anstaltung, die ein Museum und eine von dem auch über
der Grenze wohlbekannten Architekten, Professor Karl
Moser in Zürich, zweckmäßig und schön umgestaltete
Riesenhalle füllt, ziemlich klar erkennen.

Selbstverständlich wird die Schilderung und das
Urteil hier auf die wichtigsten Erscheinungen einge-
schränkt. In der Malerei auf A m i e t, A p p e n -
zeller, Auberjonois, Barraud, Baum-
berger, Blanchet, Bressler, Giacomet-
ti, Guinand, Hermenjat, Huber, de
Meuron, Müller, Muret, Pellegrini,
Riiegg, Sautere, Stiefel, Stoecklin,
Surbek, Vallet, Zeller. In der Plastik:
Angst, Barraud, Burckhardt, Haller,
Hubacher, Hünerwadel, Jaggi, Sarkis-
soff, Schwyzer.

Die M a 1 e r e i. Die ausgewählten Namen sagen
dem Sprachkundigen deutlich genug, welcher Rasse
Kinder ihre Träger sind. Der Kunstkenner weiß aber,
daß er sich darauf so wenig als je verlassen kann.
Über die deutsche Schweiz ist seit geraumer Zeit, wie
übrigens über gewisse Schichten des deutschen Volkes
ebensosehr, eine wahre Invasion französischer An-
schauungen und Vorbilder ergangen, stark genug, das
eigene Ideal, die ursprüngliche Anlage, wie sie sich für
die Schweiz in Hodler und Welti geoffenbart hatte, zu
erschüttern und auf fremde Wege zu leiten. Dieser ver-
hängnisvolle Irrtum, der darin besteht, daß man sich
nicht begnügt, eines andern Volkes unzweifelhaft be-
deutende Kunst zu betrachten und zu ehren, sondern
daß man sich ihr sklavenhaft verschreibt und die be-

gabtesten Volksgenossen in ihrem Tun verkennt, hat
cine ganze Reihe beträchtlicher Talente heimgesucht,
sie gegen Frankreich unselbständig und für die Schweiz
unempfindlich, ja unduldsam gemacht. Diese persön-
liche Verirrung hat sich nach und nach gerächt. Je
mehr solche Enthusiasten sich in den Mantel der
Delacroix, Corot, Courbet, Manet, Monet, Renoir, Ce-
zanne hüllten, desto weniger fanden sie zu sagen und
inerkten eines Tages, welchen Mißgriff sie begangen
hatten. Für einige ist es zu spät umzukehren. Sie
werden den Anschluß an die ererbte Art, an das ger-
manische oder schweizerisch-welsche Wesen nicht
mehr finden. Für etliche andere jedoch hat die Stunde
der Einkehr, die zugleich Heimkehr ist, geschlagen. Sie
beginnen wieder zu fühlen, daß es mit der eleganten
oder geistreichen Malerei nicht sein Bewenden hat, daß
Ahnen wie Grünewald, Dürer, Holbein und Hodler in
uns nachleben und unsere ihnen verwandte Seele eine
der ihrigen irgendwie ähnliche, markige und geistige
Außerung verlangt. Da kann man denn wahrnehmen,
wie einer um den andern vom heutigen Frankreich weg
seine Sehnsucht und seine Blicke ins südliche Deutsch-
land und nördliche Italien wandern läßt, wie es sich ihm
aus Tafel- und Wandbildern der Zeit um 1500 erschließt.
Diese Neuorientierung steht ja in engem Zusammen-
hang mit dem Kubismus, dem Futurismus, dem Präzi-
sionismus neuesten Datums, die alle miteinander nichts
anderes bedeuten, als eine Empörung gegen das maß-
lose Übergewicht des Impressionismus. Es scheint
ziemlich künstlich, daß die meisten unserer Künstler
von heute auf morgen ins Quattrocento stürzen, aber
diese Hast ist Erlösungsfreude, die mit einer gelehrten
Miene die Lust verstecken will: „Endlich dürfen wir
wieder erzählen, kontrastieren, charakterisieren. Sonst
könnten sie sich bei Hodler umsehen, um zu erkennen,
wann malen schöpfen ist. Übrigens profitiert Hodler
sichtlich von dem Umschwung, mehr und mehr hört
man Stimmen, die für ihn zeugen. Die welschen Künst-
ler, welche es satt liaben, immer nur nach Paris zu
starren, orientieren sich mit Vorliebe im italienischen
Barock, dessen Verwegenheiten sie nicht so sehr be-
schneiden als introvertieren und dem sie eine Art Flei-
matrecht, einen Anschluß an unsere Kunstgeschichte
im 17. und 18. Jahrhundert finden.

Es ist anziehend, die bedeutenderen Kräfte in
ihrem Suchen und Streben zu verfolgen. Zuerst
Amiet. Es gibt wenig Maler, die mit dem süßen und
starken Honig tätiger Kennerschaft beladen sind wie er.
Nur zu beladen. Zu seinem Glück trägt er unter allem
anderen ein heißes Temperament voll Drang nach
starker, unmittelbarer Form und glühender Farbe. So-
bald es ihm gelingt, einen mächtigen Natureindruck
vor den ihn bedrängenden Ideologien zu beschützen und
fessellos auszusprechen, so entsteht etwas Kraftvolles,

53
loading ...