Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 374
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Der Salon Rosental in Riga (nach dem im Jahre 1916 ver-
storbenen bedeutenden lettischen Maler Jan Rosental benannt
und von seiner Witwe, Frau E. Rosental-Forsell geleitet) bietet
durch wechselnde Ausstellungen sehr beachtenswerte Anregung
auf dem Gebiete der bisher neben Musik und Theater hier recht
vernachlässigten bildenden Kunst. Auch in den Räumen des
Rigaer Städtischen Kunstmuseums und der Staatlichen Gemälde-
sammlung finden Ausstellungen statt. Aber während diese Ver-
anstaltungen der Natur der Sache nach einen mehr offiziellen
Charakter tragen, bringt der private Kunstsalon die Werte der
Kunst unmittelbarer an das Publikum heran. Das erzieherische
Moment ist ihm in höherem Maße eigen als dem Museum, das immer
mehr nach der Seite der systematischen und repräsentativen
Schau strebt. Das Sehenlernen wird beim Publikum am besten
durch den Kunstsalon entwickelt.

Die zur Zeit im Salon Rosental stattfindende Ausstellung der
Unabhängigen Kiinstlergruppe, verbunden mit einer Ausstellung
des angewandten nationalen Ornaments, ist geeignet, von den
Bestrebungen der besten zeitgenösischen lettischen Künstler
ein Bild zu geben. Die Unabhängigen bilden eine große, Gegen-
sätze überbrückende Vereinigung, die ihre Frühjahrs- und Herbst-
ausstellungen regelmäßig im Städtischen Kunstmuseum hat.
Außerdem ist in diesem Jahr eine Ausw’ahl von Bildern dieser
Gruppe im Salon Rosental zu sehen, (im Zusammenhang mit einer
zum Bau eines Künstlerhauses geplanten Bilderverlosung) wobei
innerhalb verschiedener Richtungen Arbeiten von Wert hervor-
treten.

Mit einer Skizze (Flußlandschaft) ist Wilhelm Purvit ver-
treten, der vor dem Kriege als Mitglied der Petersburger Akade-
mie und hervorragender Landschafter außerhalb seiner Heimat
besonders in Skandinavien und auch in Deutschland bekannt ge-
worden ist. Purvits Landschaftsmalerei, die impressionistische
mit formalen Eiementen verbindet, ist in kraftvoller Weise selb-
ständig und zeigt einen nordischen Zug ins Große. Als Direktor
der neuebgründeten Lettländischen Kunstakademie nimmt Pro-
fessor Purvit im Kunstleben des Landes eine hervorragende
Stellung ein. Eine schöne Landschaftsskizze von Jan Rosental
vergegenwärtigt das'vorzeitig abgebrochene Schaffen eines viel-
seitigen, schaffensfreudigen Künstlers, der sich auch im Dekora-
tiven zu ergehen liebte, und von dem gewiß wertvolle Anregungen
auch für das Kunstgewerbe zu erwarten gewesen wären.
K. Tillberg, auch als Graphiker durch seine Lithographien in der
satirischen Zeitschrift Svari bekannt, ist durch eine von den großen
römischen Landschaftern des XVII. Jahrhunderts inspirierte, in
der Farbengebung sehr persönliche bukolische Landschaft ver-
treten. Reif in der Malerei, in geschlossener Form gegeben ist das
vorzügliche Stilleben von G. Eliass, eines der besten Bilder der
Ausstellung. Von J. Jaunsudrabind ist eine große Kaukasusland-
schaft zu sehen, ernst gemalt, ein dunkler Akko.rd, dem man viel-
leicht mehr Wucht wünschen möchte, der aber auch so, wie er
angeschlagen ist, gut ertönt. 0. Nemme gehört zu denjenigen unter
den jüngeren lettischen Künstlern, die die Ausdruckskraft der
Form und der Farbe über die Naturdarstellung stelfen. Sein
„Angler“, ein leuchtendes nachmittagliches Farbenleben, ist ein
gutes Bild. Der bedeutendste dieser Gruppe ist K. Ubans, von dem
ein Pariser Motiv in grau, lachsrot und schwarz, und eine Land-
schaft mit Bäumen in blau, braun, grün, rot reif und bedeutend
komponiert sind. Dekorative Entwürfe sind von A. Cirulis und

I. Kuga zu sehen. Der letztere, der hauptsächlich dekorative Ent-
würfe fiir die Bühne arbeitet, hat durch die Inszenierung den
Salome und des König David von Andras in diesem Spieljahr be-
deutendes geleistet.

Die Plastik ist diesmal nur durch wenige Arbeiten vertreten;
man sieht Köpfe von B. Dzenis, einen weiblichen Halbackt von

J. Legzdin und eine gute Statuette (Halbfigur einer alten Frau)
von T. Zalkalus, dessen Name auch in Deutschland bekannt ge-
worden ist. Der Katalog der „Unabhängigen“ zeigt im ganzen
53 Namen, und manche gute Leistung, wie zum Beispiel die Land-

schaften von J. Anson, die Graphik von Brenceus, Vidberg, Vei-
lands, Krumin und Cirulis wären noch anzufiihren. Icli möclite
noch auf die gleichzeitig ausgestellten sehr beachtenswerten Ar-
beiten der Kunstgewerblerin Frau Selma Skraban verweisen, zu
denen die wertvollen Sammlungen des Ethnographischen Museums
in Riga Anregung geboten haben.

Der Ausstellung der „Unabhängigen“ waren im Salon Rosen-
tal mehrere interessante Ausstellungen einzelner hiesiger Künstler
vorausgegangen, so die der Gemälde von Theodor von Witte und
die Ausstellung der Architekturradierungen von Theodor Brenn-
sohn. Th. v. Witte, dessen eben begonnenes Schaffen durch einen
jähen Tod (er fiel im Jahre 1919 als Soldat der ehemaligen Balti-
schen Landeswehr an der Kurischen Front) abgebrochen wurde,
hatte seine Studien bei Professor Juon in Moskau begonnen, der
auf seine Fähigkeiten große Hoffnung setzte. In seinen Bildern
(eine Auswahl derselben ist seit dem Februar dieses Jahres auch
im Berliner Künstlerhause zu sehen gewesen) entfernt sich Witte
zunächst noch wenig von seinen Vorbildern, Juon und Rörig, aber
sein ausgeprägtes, harmonisches Farbengefühl, das Professor Juon
an ihm hervorzuheben pflegte, wird den Betrachtern seiner Land-
schaften, Straßenbilder und Porträtversuche in Erinnerung ge-
blieben sein. Daß seinem schönen Streben so unerwartet das Ziel
gesetzt ward, ist tief zu bedauern.

Die Ausstellung der Architekturradierungen Th. Brensons
brachte die Graphik zur Geltung. Theodor Brenson verbindet eine
allgemeine bedeutende Begabung mit einem vorzüglichen graphi-
schen Können, dessen erste wertvolle Proben bereits seit einiger
Zeit vorliegen, und das, nach seinen letzten Arbeiten zu urteilen,
in weiterem gliicklicher Aufstieg begriffen ist. Der zur Zeit in
Berlin arbeitende Künstler, der seine ersten graphischen Versuche
bei dem in der russischen Kunstwelt wohlbekannten sich des
weiteren der Beratung durch Hermann Struck erfreuen durfte,
ist von Hause aus Ingenieur-Architekt und Absolvent des ehe-
maligen Rigaer Polytechnikums. Brenson ist auf diese Art für sein
Gebiet, die Architekturradierung, auch rein sachlich ausgezeichnet
vorbereitet. Besonders die rusische Barock- und Empirearchi-
tektur hat er eingehend studiert, und ihre mächtigen, noch viel
zu wenig bekannten Formen haben seine ersten radierten Folgen
hauptsächlich zum Gegenstand. Gewissenhaftigkeit und Ernst der
Formenauffassung sind in den Blättern des Künstlers von einer
gut entwickeiten Technik getragen. Die Linienführung ist sicher
und leicht, sie hat etwas edel-beschwingte; die Zeichnung ist
lückenlos im Sinne der formalen Zusammenhänge die Gesamtan-
lage iiberall auf das Große gerichtet und die Tonführung trefflich
gegeben. Diese Blätter sind sachlich und intensiver zugleich.

Zunächst ist er wie gesagt, auf die russische Archi-
tektur konzentriert. Auch einige gute Blätter, die Umrisse des
alten hanseatischen Riga darstellend, sind von ihm gebracht
worden. Sein schönes Können, das an Meryon ebenso wie an
Piranesi geschult zu sein scheint, hält Schritt mit englischen Ar-
chitekturradierern in der Art von Muirhead Bone, mit dem Breuson
auch die Vorliebe für Kaltnadeltechnik teilt.

Unsere Zeit, die in so hohem Maße dem Architektonischem
zustrebt, leidet zugleich wie selten eine andere Epoche an irre-
geleiteten Instinkten auf diesem Gebiet. Gern möchte man glauben,
daß eine so ausgezeichnete Vergegenwärtigung der erhabenen
Welt wirklicher Architektur, wie sie Theodor Brenson zu geben
vermag, zu den Heilmitteln gehört, die kommen müssen und
kommen werden.

Ph. Schweinfurth, Riga.

Die Vorlage für Brensons Radierung „Moika in Petersburg“
.ist uns vom Verlag „Russische Kunst“, Berlin W 35 freundlichst
zur Verfügung gestellt worden.

Das „Berliner Tageblatt“ vom 16. September 1922 nennt
den „Kunstwanderer“ die „auch Im weiten Aus-
land anerkannte Sammler - Zeitschrift.“

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