Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 372
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forsclit hat. Dic preziösen Formen, die trotz des italie-
nischen Einschlags altniederländische Gebundenheit
nicht ganz verloren, und die gedämpfte Buntheit passen
gut zu den hier versammelten Bildnereien und zu der
großen Brüsseler Wirkerei (Nr. 120) „Sodom und Go-
morrha“, deren Meister noch nicht ermittelt ward. —
Hier sei auch die Verkündigung (Nr. 205) vom Rothen-
burger Martin Schwarz erwälmt, und unter den Ita-
lienern eine Madonna (Nr. 201), die Voss Pinturicchio
zugeschrieben, die aber eher einem umbrischen Pro-

vinzmaler in der Art Lorenzo da Viterbo zugewiesen
werden muß.

Bei den Möbeln überwiegen die schlichten, die nur
durch gute Verhältnisse und Profile, nicht durcli den
Reichtum ihres Schmucks ins Auge fallen; das schönste
unter ihnen eine große Bank mit Stufe und hoher
Rückeniehne, ein florentinischer Famiiienthron von
etwa 1525 mit diskret verwendeter Schnitzerei und
feinen intarsien, der nach Qualität und Erhaltung, nicht
nur in Deutschland eine überaus seltene Kostbarkeit ist.

Th. Brenson

Riga v. d. Düna

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oon

öußaü 6. Pazauvek.

\j or 150 und noch vor 100 Jahren waren Gemmen
* aller Art die beliebtesten Sammelobjekte. Dies
ist längst anders geworden; ja es ist ungemein be-
dauerlich, daß gerade dieser Zweig des Kunstgewerbes
vielleicht zu keiirer Zeit so vernachlässigt wurde wie
in unseren Tagen, obwohl er abgesehen vom rein anti-
quarischen Interesse nach zwei Seiten hin von nicht zu
unterschätzender Bedeutung ist: Einmal als Vorstufe
ftir den Glasschnitt, der sicli doch zum Glück seit mehr
als einem Menschenalter wieder stets steigender Beach-
tung erfreut, und das andere Mai wegen der geradezu
staunenswerten Fülle der entzückendsten künstleri-
schen Motive, die von den Meistern der Antike wie in
der Renaissance- und Empirezeit ganz vorzüglich in die
gegebene meist ovale Fläche hineinkomponiert erschei-
nen, selbst wenn es sich um Szenen handelt, bei denen
größere Gruppen von Figuren herangezogen werden
mußten.

Der letztgenannte praktische Gesichtspunkt war es
auch, der den Verlag ,] uliusHoffmanninStutt-
g a r t veranlaßte, nach langer, intensiver Vorbereitung
ein Werk herauszubringen, das soeben erschienen ist,
nämlich: „Gemmen undKameen d e s A11 e r -
tums und der Neuzeit“ von Prof. Dr. L i p -
p o 1 d i n Erlangen. Wenn Julius Hoffmann etwas
in die Hand nimmt, dann wird es immer geschmackvoll
und vornehm. Dies ist auch hier der Fall. Zum Unter-
schied von dem bekannten prächtigen, dreibändigen
Werk des verstorbenen Münchner Professors Furt-
wängler, das streng wissenschaftlich gehalten ist, han-
delt es sich hier um ein Buch, das in erster Reihe der

Praxis dienen soll und das deshalb auch keine chrono-
logische Anordnung enthält, sondern nach Motiven zu-
sammengestellt ist. Dazu tritt die bei Furtwängler nicht
berücksichtigte Vergrößerung, die den Beobachter erst
in Stand setzt, die ganze Schönheit der Intaglien und
Kameen voll zu genießen. Mit der Auswahl, die Georg
Lippold getroffen hat, kann man sich im allgemeinen mit
Rücksicht auf den Zweck des Buches einverstanden er-
klären, wenn man auch manche vom kunstgeschicht-
lichen Standpunkt wichtige Gemme in dem Werke
ebenso vermissen mag, wie ein Namensregister. Be-
sonders erfreulich ist es, daß nicht nur die Blütezeit an-
tiker Edelsteinschneidekunst uriter Perikles, ferner ihre
große Entfaltung zur Zeit Alexanders unter Pyrgoteles
sowie die Prachtleistungen der frühen römischen Kai-
serzeit Aufnahme fanden, sondern — und in dieser Be-
ziehung bildet das Werk eine sehr wichtige Ergänzung
zu dem voti Furtwängler — auch die späteren Zeiten
der Renaissance z. B. Valerio Belli Vicentino oder Gio-
vanni Bernardi di ('astel Bolognese, die des 17. und
18. Jahrhunderts wie Torricelli, Natter, bis in die Em-
pirezeit zu der Familie Pichler und ihren Nachfolgern
wie Callandrelli, Santorelli und anderen. Die Einlei-
tung bringt außer der Beschreibung der Technik des
Edelsteinschnitts eine knappe und doch gut orientie-
rende Entwicklungsgeschichte desselben von Lippold.

Ich zweifle nicht daran, daß das stattliche, über
200 Druckseiten enthaltende und doch trotz der Über-
fülle der prächtigen Abbildungen, die sich auf 67 Tafeln
verteilen, als wohlfeil zu bezeichnende Werk eine schon

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