Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 487
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erobern gesucht, er hat die alten Holländer studiert und
kopiert, und weder das fränzösische noch das englische
ßildnis entgingen seiner Aufmerksamkeit.

Leider besaß sein Sohn Theodor nicht genügend
Begabung, um das Geraer Bildnis auf der Höhe zu er-
halten, zu der der größere Vater es geführt liatte. Seine
;m sich empfängliche Persönlichkeit unterlag zuerst
— - noch nicht ganz unglücklich — nazarenischen Ein-
flüssen, um schließlich völlig in einer nicht sehr tief-

greifenden Akademiekunst zu verflachen, die ihn wäh-
rend der langen Zeit, in der er in Gera das Erbe des
Vaters verwaltete, immer mehr bis zu völlig seelen-
loser Kopistentätigkeit verflachte. Die noch frischen
und hoffnungsvollen Werke seiner gewiß nicht starken
Jugend und die seiner älteren, akademischen, mitunter
ganz unerträglichen Jahre nebeneinander, sind ein be-
trübendes, aber zu verallgemeinerndes Zeugnis davon,
wie schnell damals die deutsche Malerei niederging.

Italieni(cbe Sindcücke

oon

Fviedvidt) Scbn0tdet?slena

Universitätsdozent Dr. Friedrich Schneider-Jena hat
für den „Kunstwanderer“ nachstehende Impressionen
über seine jüngste Italien-Reise geschrieben:

j ie Menschen werden es auch in Zukunft als eine
hohe Gunst des Schicksals preisen, den Boden
Italiens betreten zu dürfen, um italienische Schlender-
tage zu genießen, die ja immer viel zu bald in ernste
Studienaufenthalte übergehen. Es wäre ein schwerer
geistiger Verlust für die deutsche und europäische Kul-
tur, wenn die Italienfahrten und die Italienfahrer aus-
sterben sollten. Die gewaltigen geschichtlichen Ein-
drücke, die unersetzbare Erziehung zu edelstem Kunst-
verständnis und die Vermählung des geplagten Nord-
länders mit der üppigen südlichen Natur lassen sich aus
unserem nordischen geistigen Leben nicht mehr weg-
denken. Es ist freilich schmerzlich zu sehen, wie viele
feine Köpfe sich heute bescheiden müssen, das venezi-
anische Märchen in Wirklichkeit zu sehen und den An-
blick des Glanzes der Gewässer von Neapel zeitlebens
als eine frohe Botschaft im Innern zu bewahren. Ich
wagte die Fahrt über den Brenner wieder einmal, weil
ich schicksalhaft und aus menschlichen und wissen-
schaftlichen Gründen römischen Boden betreten mußte.
Alte Gastfreundschaft, dem Westeuropäer beinahe
schon zu einem fremden Begriff geworden, lebt Gott sei
Dank wieder auf und mit goethescher Einfachheit
kommt man auch ein gutes Stück weiter.

Es ist ein eigener Reiz, an sich selbst die Wirkung
der italienischen Dinge immer von neuem zu erproben.
Goethes Beschreibung seiner italienischen Reise ist ein
unsterblicher Reiseführer; allein, als er den Boden
Italiens zum zweiten Male betrat, kehrte er bald um.
Bettel und Schmutz störten ilm, er konnte nicht mehr
ungestört genießen und schauen, er, der von sich vor-
her aus Neapel geschrieben hatte: ich mache große,
große Augen. Anders Schopenhauer! In seinem Briefe
vom 29. Oktober 1822 aus Florenz mit einer berühmt
gewordenen Schilderung Italiens bekennt er, der zweite
Eintritt in Italien sei nocli erfreulicher als der erste:
mit welchem Jubel begrüßt er jede italienische Eigen-

tümlichkeit! „Das uns ganz Fremde und Ungewohnte,
meint dieser philosophische Feinsclnuecker, beängstigt
beim zweiten Male nicht, wie beim ersten: selbst das
Lästige, Widrige, Unbequeme, wird als ein alter Be-
kannter begrüßt: das Gute weiß man zu finden und
versteht es zu genießen. Ich fand, daß alles, was un-
mittelbar aus deu Händen der Natur kommt, Himmel,
Erde, Pflanzen, Bäume, Tiere, Menschengesichter, hier
so ist, wie es eigentlich sein soll: bei uns nur so, wie es
zur Not sein kann.“

Die Fahrt durch Südtirol ist zu schmerzlich, zu, ich
möchte sagen, unhistorisch und anachronistisch, als
daß ich sie in Einzelheiten beschreiben möchte. Ein
hervorragender italienischer Staatsmann hat mit Ernst
darauf hingewiesen, daß die italienische Politik gegen-
über Südtirol nicht von der Leidenschaft Trientiner
Rechtsanwälte, sondern von den Interessen des Reiches
in Rom eingegeben sein müsse. Es ist so recht sinn-
fällig, wieviel Haß und Verbitterung nach dem Kriege
von neuem gesät werden, nicht im Volke allein, denn
selbst Gelehrte verlieren in dem wissenschaftlichen
Streit um die Sprache und Dialekte dieser Gebiete den
kühlen Kopf. Man sollte meinen, daß schon ein Staats-
mann kleineren Formates hier der Gerechtigkeit zum
Siege verhelfen könnte, aber die Europäer lassen zu
gleichgültig die sogenannten Staatsmänner gewähren.

In Venedig, der märchenhaften und geheimnisvollen
Stadt, deren Bewohner sich weder für eigentliche Ita-
liener lialten noch dafür gehalten werden, hat die große
Internationale Kunstausstellung allenthalben wertvolle
Spuren hinterlassen. Mit der unnachalnnlichen Kunst,
um nicht zu sagen Regie, die ihnen eigen ist, haben die
italienischen Leiter das allgemeine Interesse für das
großartige Unternehmen wachzurufen verstanden, das
sich bis auf Sonderzüge und Fahrpreisermäßigung auf
der Eisenbahn erstreckte. Auf der Piazzetta Bücher und
Mappen über Liebermann, der auf der Ausstellung ver-
treten war, liber Antonio Canova, dessen hundert-
jähriger Geburtstag am 13. Oktober 1922 gefeiert
wurde, und über alles, was eines Menschen Herz in

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