Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 454
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6t’iüccbungcn und J^euQedaltnnQzn 1920—1923

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öuffao 6tück

Hofrat Dr. Gustav Gliick setzt nachstelieiid seinen im
I. Jüniheft des „Kunstwanderers“ begonnenen Aufsatz
iibcr die Erwerbungen und Neugestaltungen der von
ilini gcleiteten Gemäidegalerie des Kunsthistorischen Mu-
seums in Wien fort:

1-7 ndlich ist ein drittes Kabinett der sogenannten
' „Donauschule“ eingeräumt worden, die in einer
österreichischen Sammlung eine besondere Berücksich-
tigung verdient. Der Hauptmeister, der Regensburger
Albrecht Altdorfer, war
bisher durch zwei Gemälde ver-
treten, die kleine Madonna mit
den Heiligen Josef und Johannes
au dem Jahr 1515 und die mehrere
Jahre später entstandene höchst
reizvolle, in ihrem Helldunkel
Rembrandt vorahnende „Geburt
Christi“: diesen beiden Werken
werden sich in der allernächsten
Zeit nicht weniger als drei neu-
erworbene Arbeiten des seltenen,
großen und llebenswürdigen Mei-
sters anreihen: eine Darstellung
der Hinrichtung der heiligen Ka-
tharina (urn 1507), eine figuren-
reiche Grablegung Christi (1518)
und eine Halbfigur der Maria mit
dem Kinde, das einen Granat-
apfel hält, aus dem Jahre 1531.

Von W o 1 f Huber, dem zwei-
ten bedeutenden Künstler der Do-
nauschule, der auf österreichi-
schem Boden, in Feldkirch geboren ist, besaß die Ga-
lerie schon zwei Hauptwerke, die großartig lebendige
„Kreuzaufrichtung“, deren Farbenreiz sich erst ganz
scit der neuerdings erfolgten Wiederherstellung offen-
bart, und die späte, interessante allegorische Darstel-
lung, die sich an das 3. und 4. Kapitel der Apostel-
geschichte anscliliei.it. Hinzugekommen sind jetzt, das
entzückende kleine Bildchen mit Christi Abschied von
den Frauen aus dem Jahre 1519 (früher in der Kauf-
mann'schen Sammlung in Berlin) und, aus deni Vorrat
des Kunsthistorischen Museums hervorgeholt, eines der
wenigen bekannten Bildnisse von der Hand des Ktinst-
lers, das den Humanisten Jakob Ziegler aus Landau
darstellt und das eine außerordentliche Größe des Stils
aufweist. Von einem poesievollcn Nachfolger Alt-
dorfers rührt auch die aus der Staatsgalerie stammende
I’arstellung der Enthauptung Johannis des Täufers her,

von der sicli in der Akademie zu Siena eine vergrößerte
und vergröberte Wiederholung befindet. Einem Zeit-
und Schulgenossen Wolf Hubers gehört ein durch eigen-
artige Züge und schöne Landschaft merkwürdigcs Bild
an, das den Augenblick vor der Kreuzannagelung, da
Christus noch auf dem liegenden Marterholze, ver-
spottet von einem Häscher, sitzt, nebst den Vorberei-
tungen zur Kreuzigung der Schächern wiedergibt, eine
Widmung des Herrn Moriz Lindemann in Wien. End-
lich ist auch Lucas Cranach
der Ältere durch das vortreffliche
Porträt einer ganz jungen Frau
mit einem Werke seiner frühesten
Zeit vertreten, die er zum Teil in
Österreich verbracht hat und der
auch das kürzlich von der Berliner
Galerie erworbene Bildnis der
Frau des Kanzlers Reuß angehört.
Aus seiner späteren Zeit stammen
zwei lebendig, fast brutal erzäh-
lende Passionsdarstellungen, die
Kreuztragung und die Geißelung
die zu einer Folge ge-
hören, von der noch ein drittes
Stück mit dem Datum 1538 sic.h
in der bekanuten Weberschen
Sammlung in Hamburg be-
funden hat.

Die altdeutsche Abteilung clcr
Wiener Gemäldegalerie hat in un-
seren Tagen, da das Interesse an
dieser Kunst in weiten Kreisen,
aucli des nichtdeutschen Auslandes, höchst lebendig
geworden ist, eine erfreuliche Vermehrung und Berei-
cherung erfahren, und wir können heute sagen, daß sie
neben den Münchner und Berliner Sammlungen dieses
Gebietes wohl als die wertvollste uncl vielseitigstc
golten kann. Aber aucli für die anderen Abteilungen
der Galerie hat es in den letzten drei Jahren nicht an
Gelegenheiten zu Erwerbungen gefehlt. Das älteste
Stück darunter ist eine Maria mit dem Kinde über
der Mondsichel, auf Goldgrund, ein kleines Gemälde,
dessen Komposition auf Roges van der Weyden zurück-
geht, dessen feine Ausführung aber unserer Meinung
nach wahrscheinlich einem Kölner Meister, wie dem des
Marienlebens, zuzuschreiben sein wird. Auf jeden Fall
wird es am besten in die altniederländische Abfeilung
eingereiht werden können. Der staitliche Bestaud an
i.ühholländischen Gemälden des 15. und 16. Jahrhun-
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