Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 332
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Nachempfindungen an Schönheit der Glasur und Ernst
der Formen übertroffen haben. Bei den heute als Sung-
arbeit geltenden Stücken ist das aber keineswegs
immer der Fall. Wie viele von ihnen werden wirklich
bis in das 11., 12. oder 13. Jahrhundert zurückreichen!
Wir haben hier nocli wenig festen Boden unter uns. In
jedem Fall kann gutes japanisches Steinzeug recht oft
den Wettbewerb mit dem chinesischen jeglicher Art be-
stehen. Auch auf diesem Gebiete ist das Inselreich, wie
sich immer mehr zeigt, keineswegs nur Nachahmer, es
hat die ostasiatische Keramik um manchen eigenen Zug
bereichert.

Zusammenfassend wäre zu betonen, daß man die
vielen Vorurteile aufgeben sollte, die heute herrschen.

Sie machen die Augen für hohe Schönheiten blind. Die
Frage vor einem Kunstwerk sollte nicht lauten, ob
China oder Japan, nicht einmal, ob T’ang-, Sung-, Nara-
oder Tokugawazeit. Unsere Kenntnisse sind ja oft so
spärlich, daß eine sichere Entscheidung Anmaßung ge-
nannt werden muß. Richtig bleibt, daß China die große
schöpferische Nation des fernen Ostens war und daß die
höchste Blütezeit der Kunst in Ostasien vom 8. bis
16. Jahrhundert reichte. Aber Japan stellte jeaer Zeit
seinen Mann. Bis an die Schwelle der Gegenwart
wurden im ganzen fernen Osten immer wieder Werke
hervorgebracht, die neben den gleichzeitigen Erzeug-
nissen des Westens nicht nur bestehen können, sondern
sie häufig übertreffen. Das wird von Tag zu Tag offen-
sichtlicher.

Martin Schougauer
Der Elefant, B. 92

Auktion bei
C. G. Boerner
in Leipzig

Deutßbe Möbel des Klaflmsmus

oon

6u{!ao 6. Pasauüek.

\X/enn wir von Louis XVI., Frühklassizismus oder
* ’ Empire sprechen, denken wir zunächst an
Frankreich, das damals noch immer in allen Fragen
der künstlerischen Innenausstattung tonangebend war.
Was für Ludwig XVI., Marie Antoinette und alle Kreise,
die sich nach diesem Vorbilde richteten, oder aber für
Napoleon I. und dessen Familie und Günstlinge geschaf-
fen worden ist, bildete aucli tatsächlich das Vorbild für
die gesamte übrige Produktion. Aber es wäre unge-
recht, die vielen sonstigen Äußerungen des ernstesten
künstlerischen Wollens unterdrücken zu wollen, die

sich schon im Pariser Mobiliar ganz deutlich durch den
besonders rühnpchen Einschlag eines Oeben, Riesener
oder Schwerdtfeger und anderer Meister deutscher
Herkunft so glänzend äußern. Die damalige Zeit, die
in Kunstfragen gar keinen Chauvinismus kannte, hat
eben das Beste gelten lassen, wo oder von wem es aucli
immer geschaffen worden ist. Aber da uns die Fran-
zosen in den letzten Jahrzehnten und namentlich in der
jüngsten Vergangenheit immer wieder vorhalten, daß
sie in allen ästhetischen Angelegenheiten die einzig
Tonangebenden wären, erscheint es gewiß nicht über-

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