Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 307
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j\lI it dem offiziellen, unter lauten Fanfarentönen ver-
* 1 kündeten Einzug der expressionistischen Kunst
mit allen ihren kleinen „Neben-Ismen“ in alle Ausstel-
lungen, in die Feuilletonredaktion der Zeitungen und in
die öffentlichen Sammlungen ist fast gleichzeitig der
Frotest gegen diese angeblich neue Kunst, auch von
Seiten mancher früheren Anhänger derselben lautge-
worden. Während- Justi im Kronprinzen-Palais in
Berlin und Pauli in der Hamburger Kunsthalle ihr Zu-
tritt verschafft haben, die kleineren städtischen Museen
ihnen darin sogar noch vorangegangen waren und eine
Gemeinde von Sammlern für sie zu gewinnen wußten,
riicken Meier-Graefe, Ernst Wichert und andere
Größen, die bis vor kurzem für hypermodern galten,
energisch von ihr ab. Wichert betont, daß alle die ver-
schiedenen „Ismen“ das Kunstbediirfnis des Volkes
nicht hätten befriedigen können — er hätte ruhig sagen
können, daß das Volk iiberhaupt von ihnen nicht berührt
sei, sie nicht ernsthaft genommen habe —; er ver-
langt und erhofft, daß „in der Jetztzeit nationaler Samm-
lung, die hoffentlich einen Wendepunkt fiir uns be-
deutet", auch die bildende Kunst sich wieder national
einstellen und „ftir die neue Zeit eine neue Ausdrucks-
weise aus nationalem Empfinden“ sich schafft. Dieser
Wunsch ist gewiß berechtigt, und hätte vielleicht selbst
Aussicht auf eine spätere Erfüllung, wenn nicht in dem
Kampfe, der seit bald einern Jahrzehnt tobt und doch
\ ielleicht erst in seinen Anfängen steht, unsere gesamte
Knltnr im raschesten Verfall wäre, ja dem Versinken

nahe scheint, und nicht einmal inehr auf Spenglers Be-
griff der „Zivilisation“ Anspruch machen könnte.

Wenn wir sehen oder hören, daß ein Picasso, ein
Matisse oder Derain schon zur Einkehr und Umkehr ge-
kommen sind, so glauben wir deshalb doch nicht, daß
unsere Kunst von heute einer wirklichen Regeneration
und Renaissance entgegengeht. Wir sind auch in der
bildenden Kunst wie in der gesamten Kunst noch mitten
im Verfall, und der Verfali wird weiter gehen wie der
Weltkampf weiter geht und seine furchtbaren Folgen
erst allmählich zeitigen wird. 1 m Expressionismus, Fu-
turismus u. s. f. ist uns überhaupt keine neue Kunst oder
gar ein neuer Stil geboten: der Verfall des Impres-
sionismus hat allmählich hinübergeführt zum Expres-
sionismus; der Kubismus hat mit Kunst überhaupt
nichts zu tun, und die „Ismen“, die ihre Klexereien mit
Schwefelholzbüchschen, Resten alter Gebisse, Zahn-
bürsten und dergleichen verschönten, sind eine ewige
Schmach für die „herrliche Kunst“ unserer freien Zeit!
Übergangszeiten, Epochen des Verfalls sindnie in weni-
gen Jahren oder selbst Jahrzehnten überwunden und
haben — wenn überhaupt — schließlich zu neuer echter
Kunst geführt; das lehrt uns die Kunst der vergangenen
Jahrhunderte, die sich doch — im’ Gegensatz gegen
nnsere Zeit — immer noch einen Rest guter Tradition
erhalten hatten, namentlich in der Technik der Malerei.
Diese geht aber unserer Zeit völlig ab. Wehe den
Schülern und Enkelschülern, welche die heutigen Mo-
dernsten zu Lehrern haben! Ehe sich die Kunst wieder

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