Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 492
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In Ziirich hat das Kunsthaus eine L i e b e r m a n n - Aus-
stellung veranstaltet, die viel Aufsehen erregt und in der Presse
mit Eifer besprochen wird. Sie umfaßt dank den Bemühungen des
Konservators Dr. W. Wartmann und der ihm von Heinrich
Wölfflin, Scheffler, Elias und dem Künstler selbst geleisteten Unter-
stiitzung eine große Menge von Gemälden aus allen Zeiten seiner
Wirksamkeit und eine Fiille von Zeichnung-en, Radier'ungen und
Lithographien. Der von Dr. Wartmann inusterhaft bearbeitete
reichillustrierte Katalog wird in der Liebermannbibliographie eine
bleibende Stelle einnehmen.

*

In G e n f sah man im Juni eine prächtige Ausstellung der
Maler Ernst E g g e r und Hans Berger.

*

In S t. G a 11 e n sieht man Entwürfe zu einer Bemalung des
Theaters, veranlaßt durch einen Wettbewerb. Beteiligt sind die
Maler Gilsi, Glinz und Wanner, alle drei in St. Gallen.

Die Schweiz, insbesondere Genf, hat einen hervorragend be-
gabten Architekten verloren, Alexandre Camoletti, der
es aufs feinste verstand, französische Schulform mit heimischen
und heimeligen Überlieferungen zu verbinden. W.

Auktion dev Tcxtilfammtung lk(<2.

Am 18. September findet in Zürich im Zunfthaus zur
Meise unter Leitung von Hugo Helbing, München und H.
Messikommer, Zürich die Versteigerung des ersten Teiles der
T e x t i 1 s a m m 1 u n g Leopold Ikle, St. Gallen statt. Ihre
Entstehung verdankt sie dem Bestreben des tatkräftigen Industriel-
len, sein Gebiet mit mustergiltigen Vorbildern zu versorgen; im
Laufe der Zeit machte sicli aber neben dem gewerblichen immer
inehr das historische Interesse geltend und der wissenschaftliche
Forscher Ikle hinterließ eine Sammlung, die, was Fülle und Quali-
tät der Gegenstände, und auf manchem Gebiete Geschlossenheit
der historischen Entwicklung betrifft, die Sammlungen Spengel und
Lipperheide weit überragt.

Es ist schwer in wenigen Worten ein Bild zu geben von den
Schätzen an Spitzen, Stickereien, gestickten utid gewirkten Bild-
teppichen, die Ikles großzügige Sammeltätigkeit erwarb. Das Ge-
biet der N ä h s p i Lz e führt von den frühen italienischen Ar-
beiten, denen in Zeichnung und vollkommener Harmonie in Forin
und Technik wohl wenig gleichzustellen ist, .zu den Spitzen Ve-
nedigs. Hier ist der Besatz einer Alba mit Goldfond ein Unikum.
Wir sehen dann, wie Frankreich zu Beginn des 18. Jahrhunderts
die fiihrende Rolle übernimmt, bis dann in den Alengonspitzen des
Louis-Seize die Entwicklung ausklingt. Ebenso ist die Klöppel-
spitze in ihren schönsten Erzeugnissen aus dem Italien und Flan-
dern des 16.—18. Jahrhunderts in einer wohl bisher noch nie auf
den Markt gekommenen Reichhaltigkeit vertreten. Ein besonderes
Bemiihen des Sammlers suchte jene Gebilde, die sich bemiihen, mit
der kostbaren Spitze in Wettbewerb zu treten, z. B. das Filet,
die Stickereien auf Buratto und Tüll oder die in Deutschland im
18. Jahrhundert gefertigten Musselinstickereien, die sog. „dentelles
de Saxe“.

Das weite Gebiet der S t i c k e r e i nimmt in unserer Samm-
lung eine dominierende Stellung ein. Die in Betracht kommenden
Länder sind mit charakteristischen, schönen, und inan darf sagen
mit außerordentlichen Stücken vertreten. Die Schweiz unter ande-
rem mit einer stattlichen Reihe jener köstlichen Leinendecken des
16. und 17. Jahrhunderts, die früher wenig beachtet, heute als
Werke wahrer Volkskunst sehr gesucht sind. Immer wieder ent-
zückt an Decken, Kissenbezügen und Sreifen die unerreicht schöne
Ornamentik der italienischen Renaissance. Ein ganz besonderes
Stiick, eine blauseidene Decke (Italien um 1500), deren Bordüre in
Ovalfeldern die Darstellung eines römischen Triumphzuges zeigt.
Aus Deutschland stammen die meisten der reizvollen Stick-
mustertücher. Es ist ebenso wie Frankreich, Tirol, Ungarn, der
Balkan, Persien und China in dieser Sammlung vertreten. Von

Ikles ethnographischem Interesse zeugt auch, daß er Kostüme und
Trachtenstücke erworben hat.

Diese profanen Arbeiten werden noch übertroffen von jenen
Gegenständen, die zu kirchlichen Gebrauch bestimmt waren. Der
größte Schatz unter den liturgischen Gewändern ist der zwölf-
teilige Meßornat (Spanien 166. Jahrhundert), der aus dem Escoriäl
stammt und dessen in der edlen Technik des or nue ausgeführten
Bilder-Darstellungen aus dem Leben Christi enthalten. Unter den
Gewandteilen überwiegen die in Stickerei ausgeführten, doch
finden sich hier auch prachtvoll gewebte Borten sienesischer,
florentinischer und kölnischer Herkunft. Eine Perle der Sammlung
ist eine Leinendecke mit farbiger Seide und Gold bestickt (Spanien
16. Jahrhundert) mit der Anbetung der hl. 3 Könige.

Noch als eine Steigerung der Sammlung erscheint das dritte
Hauptgebiet dieser Sammlung: die gewirkten und gestickten
Bildteppiche. Hier hat Ikle mit prophetischem Blick den
besonderen Reiz der frühen deutschen Arbeiten erkannt. Das
älteste Stück ist das prachtvolle Antependium mit der Krönung der
Jungfrau und Heiligen (Mitteldeutschland, 15. Jahrhundert), das aus
dem Kloster Fulda stammt. Aus der Sammlung Lipperheide er-
warb Ikle das Antependium mit 6 Darstellungen aus dem Marien-
leben, das nach der neuesten Forschung schwäbisch, letztes Viertel
15. Jahrhundert ist. Noch dem 15. Jahrhundert gehört ein elsäs-
sischer Teppich mit der Beweinung Christi an. Die anderen Wirk-
teppiche sind ausgezeichnete deutsche und schweizerische Ar-
beiten aus dem 16. Jahrhundert. Hochbedeutsam sind die beiden
Wandteppiche mit der Vermählung Marias mit Joseph und der
Beschneidung Christi nach den Holzschnitten aus Dürers Marien-
leben, in den Niederlanden, wahrscheinlich Brüssel im 16. Jahr-
hundert gewirkt. Unter den gestickten Bildteppichen befinden sich
hervorragende süddeutsche und schweizer Arbeiten, z. B. das
ebenfalls aus der Sammlung Lipperheide stammende Antependium,
Anna selbdritt mit Heiligen, Schule des Meisters von Meßkirch 1588.
Drei Arbeiten französischen Ursprungs in petit point schließen sich
hier an. Auch an kleineren gestickten Bildern und Wappen ist die
Sammlung reich.

Keineswegs ist mit diesen Hinweisen der Reichtum der Samm-
lung auch nur annähernd gekennzeichnet. Es ist nur versucht
worden aufzuzeigen, daß mit dieser Auktion Gegenstände von er-
lesener Schönheit und größter Seltenheit auf den Markt kommen.

Üom bottändtfcbon. Kunßmat’kt

Bei Frederik Muller & Co. in Amsterdam ist am
10. Juli die Sammlung alter Meister aus Schloß N i j e n -
r o d e versteigert worden. Für den prächtigen Katalog der von
M. Onnes von Nijenrode angelegten Sammlung, die eine stattliche
Reihe hervorragender, zum Teil aus der Berliner Sammlung
Richard v. Kaufmann (Auktion im Dezember 1917 bei Cassirer-
Helbing, Berlin), stammenden primitiven Niederländer enthielt,
hatte Max J. Friedländer das Vorwort geschrieben.

Den relativ höchsten Preis der Auktion, nämlich 100 000 holl.
Gulden erzielte die Reihe von sieben das Leben der heiligen
Dymphna darstellenden Tafeln von Goosen van der Wey-
den, einem Enkel Rogiers, aber den eigentlich höchsten Preis,
82 000 Gulden, erreichte die aus der Kaufmann-Sammlung bekannte
„Heilige Nacht“ des Geertgen tot Sint Jans, die in der
Berliner Auktion 205 000 Kriegsmark gebracht hat. 71 000 Gulden
sprach man dann dem Kaufmann’schen Selbstporträt des J o o s
v a n C 1 e v e zu (bei Kaufmann 215 000 Mark), 29 000 Gulden den
Kaufmann’schen Altarflügeln des Gerard David (1917:
115 000 Mk). Für die aus der Ausstellung in Brügge von 1907 be-
kannten zwei Porträts des Rogier van der Weyden
zahlte man 61 000 Gulden, für eine von Friedländer als Werk des
Hugo van der Goes bestimmte „Madonna mit Kind“
25 000 Gulden, fiir einen Jan Gossaert (Triptychon) 17 500,
einen Joachim Patinir (Madonna in Landschaft) 8 000, einen
Jande Cock (Beweinung Christi) 9200, ein Jan van Scorel
(Bildnis einer jungen Frau) 4 400 Gulden.

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