Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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sich um Mozarts eigenhändige Notenlinien zur unlös-
lichen Einheit mit ihnen verbunden herumwinden: nicht
Illustrationen, sondern Neugestaltungen der musikali-
schen Gedanken, die Mozart in heiterer Sinnlichkeit in
Musik ausströmte. Das ist echte zeichnerische Musik
in der feinsten Sprache duftigster Radiertechnik, ge-
boren aus innigster Seelenverwandtschaft Slevogts mit
dem Meister der Töne.

Den Abschluß bilden die Lithographien aus den
Jahren 1915—1922. Von den 303 Bildern zum Benvenu-
to Cellini (1914) sind rund 50 vorhanden, die Gesichte
(1917) vollständig, von der Eroberung Mexikos an 40.
von den Tnseln Wak Wak (1922) gegen 30, dazu eine
Anzahl aus Slevogts neuestem Werk den Tapferen
Zehntausend, die uns Xenoplions Rückzug der Griechen
nach Xenophons Erzählung veranschaulichen. Fast
durchweg haben wir es hier mit feinsten Probedrucken
auf Chinapapier zu tun, die zu betrachten ein beglücken-
der Genuß ist. Wie vereinigt sich in leicht hingeworfe-
nen Zeichnungen zum Cellini, in denen nur der Kern
der Handlungen auf das Wesentlichste zusammenge-
drängt erscheint, sachliche Klarheit mit phantasie-
reichem Schwung, welche Monumentalität durchdringt
diese mit dem Tuschpinsel so leicht hingeworfenen
kleinen Blätter. Immer von Neuem bewundert man die
Fülle der sich drängenden Szenen, die meist ohne jeden
Schauplatz in frei-ester Lebendigkeit gleich geistvollen
Improvisationen hingesetzt sind. Keine Mühe ausge-
dachter und berechneter Kompositionen beschwert sie,
die Leichtigkeit der Pinselführung gibt dem Impressio-
nismus dieser Blätter einen malerischen Schein. Ihre
duftige Feinheit geht uns in diesen köstlichen Probe-
drucken w?eit eindringlicher auf als in den Drucken in-
nerhalb des Textes.

Da sind weiter Proben der Tierfabeln und Märchen,
z. B. die anmutig humoristischen Bilder vom Gestiefel-
ten Kater, die O. Bangemann mit so feinem Verständnis
für die Absichten des Künstlers in langer mühsamer Ar-

beit aus den Federzeichnungen in die Sprache des Holz-
schnittes iibertragen hat. Da sind weiter die erschüt-
ternden Gesichter, groteske Phantasien allegorischen
Geistes, die die Schrecken des Krieges in des Künstlers
Phantasie erzeugt haben, so die Hunde, die in wildem
Ansturm den plumpen Bären anbellen, die Anbetung der
vier aufgehängten Köpte, die einander auffressenden
Wölfe, die Männer mit der riesigen Glaskugel, in der der
zusammengekrümmte Knochengeist haust usw. Dann
der Cortez, die Eröberung Mexikos, wiederum Pinsel-
zeichnungen auf Stein, in denen Slevogt nur mit Stri-
chen in lebendigster Mannigfaltigkeit so malerische
Wirkungen erzielt hat. Endlich die Erzählungen von
den Inseln Wak Wak aus Tausend und eine Nacht, das
Zarteste an Zeichnung, das Slevogt je erreicht hat.

Überschaut man diese ganze Sammlung, in der man
des Künstlers Entwicklung von Rembrandt, den Eiu-
drücken her über Menzel und Daumier zum eigensten
Stil verfolgen kann, so staunt man immer von neuem
ob des unabsehbaren Zuströmens der Erfindungen, ob
des hinreißenden Temperaments, der grenzenlosen
Mannigfaltigkeit, die ebenso wildeste Kraft wie zarteste
Feinheit umfaßt der genialen Unbekümmertheit im
äußeren, etwa historischen Wahrheit, die immer nur mit
genialer Vollendung die innere künstlerische Wahrheit
in eigenster Auffassung, in Slevogtschem Geiste ge-
staltet. Und im Anschauen dieser Fiille herrlichster
Probedrucke wird man sich der Wahrheit des Wald-
mannschen Ausspruches bewußt, den wir an die Spitze
dieser kurzen Llmschau gesetzt haben: Slevogts gra-
phische Kunst kann man nur in guten Drucken voll ge-
nießen. Noch sei bemerkt, daß die Galerie Arnold zu
dieser Ausstellung einen Katalog herausgegeben hat,
der außer einer geistvollen Würdigung des Slevogt-
schen graphischen Werkes aus Emil Waldmanns Feder
30 Nachbildungen von Slevogtschen Blättern urnfaßt.
Er wird ein dauerndes Denkmal für diese denkwürdige
Ausstellung sein.

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