Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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M. Schenke Hcffmanns Erzählungen

schattenhaft oder von einem finsteren Schicksal be-
lastet erscheinen zu lassen. („Flucht aus dem Ge-
fängnis“, „Der Flüchtling“). Später wandte er sich dem
„Literarischen“ im engern Sinne zu, hob den dunklen
Weltträger „Atlas“ von den kribbelnden Alltagswesen
ab oder stellte die winzige Silhouette Fausts in den
Lichtkreis vor den auf Felsen gelagerten Sphinxen. Von
hier aus fand er den Weg zur Psychologie des dämoni-
schen Menschen in dein starken Blatt, auf dem Mephisto
iin spitzen Räuberhut dern schreibenden Ernst Theodor
Amadeus H o f f m a n n iiber die Schulter blickt und
ihn inspiriert.

Ist aucli nicht immer gleich stark die Harmonie
zwischen äußerem Phantasma und innerer Wieder-
spiegelung erreicht, so hat er doch in seinen stärksten
Blättern einen zwingenden Kontakt hergestellt, der
ihnen einen ganz spezifischen Wert verleiht.

Stelit bei Schenke der Mensch mit seinem „Wahn“
im Mittelpunkt seiner Motivenwelt, so geht Wilhelm
Doms nacli der Seite der Tierdämonik neue unbe-
schrittene Wege. Er ging aus von dem naiven Staunen
über die seltsamen Formen, von denen das Bild der
uns heute noch geläufigen, in absehbarer Zeit zum Aus-
sterben verurteilten Tierwelt strotzt. Aber sie genügten
ihm nicht. Er erfand neue Arten. Was das heißt, will

mik benutzt. Ich brauche nur an Michl F i n g e s t e n
und seinen barock-graziösen Flumor zu erinnern. Heut
soll hier auf zwei eigenartige Begabungen hingewiesen
werden, deren Charakteristik am besten mit dem
Wort „dämonisch“ angedeutet, wenn auch nicht um-
schrieben wird. Natürlich wird man dadurch unwill-
kürlich an Goya, den Meister der Capriccios und der
„Desastros de la guerra“ gemahnt.

Aber doch nur ganz äußerlich, denn, wenn man
Max Schenkes, des jungen Dresdners Radierun-
gen näher betrachtet, wird man finden, daß er eigent-
lich viel näher in seiner Helldunkeldämonie an Rem-
Drandt anlehnt und dessen grundlegende Radierungs-
technik in seiner Weise fortentwickelt und auf seine
Motive aus der bürgerlichen Sphäre anwendet.

Schenkes Phantastik — seine Graphik er-
scheint im Kunstsalon ,]. Casper-Berlin — basiert auf
dem Kontrast von Biedermeierwelt und Wunder oder
Schrecken der sie durchbricht und fragwürdig erschei-
nen läßt. Dabei geht er manchmal von Sehnsucht des
engen Bürgers nach dem Fernen, dem Unerklärlichen
aus, Vvie z. B. in dem „Fernrohr“, durch das Klein-
bürger in den Nachthimmel starren, lieber aber legt er
den Nachdruck auf das „Unheimliche“, das wie in dem
ganz phantastisch gehaltenen zweiten „Fernrohr“-Blatt
ein unwirkliches Leuchten eines Steins hervorruft und
die überraschten Menschlein in ein lleer spukhafter Ge-
stalten verwandelt. Gern kontrastiert er die dunkle
Gestalt eines Spaziergängers oder Flüchtlings mit star-
ken Helligkeiteu des Hintergrundes, um sie dadurch

M. Schenke

Homuuculus

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