Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 218
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Schönen“, sein Lebtag nicht vergessen konnte, hat einst
diese Worte geschrieben. Sie galten dem in seinem
Kloster an den pontischen Ufern sich kasteienden gro-
ßen Basilins, für den die hellenische Welt längst „eine
leere Seligkeit“ geworden war, und sie passen ganz auf
den Schattenzeus, den fahlen Saturn von Daphni.

Bisher war man in der Betrachtung der byzantini-
schen Kunst in Athen auf diesen negativen Eindruck be-
schränkt. Sein schneidender Kontrast zur antiken
Kunst mußte dabei als typisch empfunden werden. Der
Epitaphios von Salonik, das Hauptstück des neuen by-
zantinischen Museums in Athen, zeigt jetzt an derselben
Stelle dieselbe byzantinische Kunst von einer anderen,
unerwarteten und bisher wenig gekannten Seite. Er
ist ein Stiick attischer Kunst irn XIV. nachchristlichen
Jahrhundert! Das außerordentliche Werk gehört in die
Zeit der Paläologen, in die Epoche der byzantinischen
Spätbliite. Die Mosaiken der Kachrije-Djami in Kon-
stantinopel, die Fresken von Mistra, auch die Fresken-
zyklen zweier russischer Kirchen in Novgorod charak-
terisieren diese Periode. Ein gesticktes Tuch, das, beim
feierlichen Umzuge der Hostie liinter ihr hergetragen,
das Leichentuch Christi darstellen soll, wird im grie-
chischen Kultus als Epitaphios bezeichnet. Die Ge-
samtgröße des Epitaphios von Salonik beträgt 1,80 X
0,62 m. Er besteht aus einem leichten Seidenstoff, auf
dem mit Gold- und Silberfäden sowie mit farbiger Seide
drei von einem ornamentalen Rahrnen umgebene Dar-
stellungen gestickt sind. Die Konturen sind mit roter
Seide ausgeführt. Die mittlere Darstcllung (0,71 X
0,43 m) zeigt den toten Christus von Engeln betrauert;
an sie schließen sich rechts und links zwei quadratische
Darstellungen der Apostelkommunion an (0,43X0,43 m).
Der Epitaphios ist während der Kriegswirren glücklich
aus Salonik nach Athen gerettet worden. Kondakoff,
der ihn im Jahre 1900 noch an Ort und Stelle sah, meint
daß er allein den Besuch von Salonik lohne. **) In der
lat, wir stehen hier vor einem Werk ganz besonderer
Art. Voll Staunen und Ergriffenheit sieht man hier, in
spätester Zeit, kurz vor der trostlosen Überschwem-
mung Griechenlands durch die Türken, attische Ge-
stalten wieder aufleben. Im Gegensatz zum saturni-
schen Diister von Daphni ist ein hellenischer Unterton
der byzantinischen Kunst unmittelbar zu vernehmen.
Diese Engel, diese Apostel, diese milde Gebärde des
Herrn über dem mit schönen Falten bedeckten Tisch —
sie alle sind wunderbar von altattischer Erinnerung
durchdrungen! Daneben macht sich noch ein neues,
realistisches Llement geltend, das für diese letzte by-
zantinische Phase bezeichnend ist. Vorgetragen ip den
starren Linien des Paraments, fiigt es der Darstellung
in ganz eigener Weise einen fast nordisch-graphischen
Zug hinzu. Bei der Figur des jugendlichen Johannes,

**) Der Epitaphios von Salonik ist beschrieben und abge-
büdet von Le Tourneau und Millet im Bulletin de correspondence
hellenique, 1905 p. 259—268; von Kondakoff in seinem Buch über
Makedonien (Petersburg 1909, in russ. Spr.) p. 138—142, und von
C harles Diehl, Manuel d'Art Byzantin, Paris 1910, p. 802—806.

der mit verhiillten Händen in leidenschaftlicher Gebärde
sich dem Kelche nähert, mußte ich unmittelbar an un-
sern großen Albrecht, auch an Veit Stoß denken.

Die Landung im Golfe von Itea, dem Ausgangs-
punkt für die Tour nach Delphi, ist von mythologischer
Schönheit. Im unbeweglichen Lichte des späten Nach-
mittags wird man vom Maultier durch die großartige
Landschaft dem pythischen Heiligtum entgegengetra-
gen. Ringsum crschallt im tausendjährigen Ölwald der
Chor der Grillen in steigender Ekstase, und über dem
sich vor den Blicken des Wanderers auftürmenden Ge-
birgsland schwebt die weißgraue Doppelmütze von
Mons Parnassus. Hoch in seinem Geklüft, dort, wo sich
bereits die kalten Abendschatten auszubreiten beginnen,
ahnt man das Tempelhaus des Gottes. Als ich oben an-
langte, war es bereits Nacht, und mächtige Sternbilder
standen unbcweglich wie Orakelsprüche am Himmel
geschrieben. In der Frühe des nächsten Tages dann das
Erwachen auf Bergeshöhen, der Morgenglanz an der
Kastalia, die ersten Schritte auf der heiligen Straße, wo
man für Augenblicke von der Gesamtheit des Hellenen-
tums umlebt ist. Während eines mehrtägigen Studiums
der Stätte von Delphi war mir das Buch von Bourguet
(Emile Bourguet, Les ruines de Delphes, Paris 1914,
8°, 355 S. 121 Abb.) wertvoll.

Das Museum in Delphi kann als klassisches Beispiel
einer glücklichen Dezentralisation der Denkmäler inner-
halb eines Landes gelten. Daß zwischen den Werken
in Athen und der Gigantomachie vom Schatzhause der
Siphnier, dem Wagenlenker, den Kalathiskostänzerin-
nen und dem Votive des Daochos die Fahrt durch den
Kanal von Korinth und der Aufstieg von Itea liegt, gibt
ihrer Betrachtung die doppelte Weihe. Die Reliefs vom
Schatzhause der Siphnier füllen zusammen mit der
Wiederherstellung des gesamten Schatzhauses und mit
dem Sphinx der Naxier einen großen Saal aus. Im
Nebenraum stehen die Reste der Metopen vom Schatz-
hause der Sikyonier, die, anders geartet, nicht weniger
bedeutend sind. Alle ungelösten Fragen über den Ur-
sprung und das Wesen der archaischen Kunst drängen
sich liier zusammen, vor diesen geheimnisvollen Wer-
keri der Friihzeit, aus deren Lebensfülle und künstleri-
scher Kühnheit die Beobachtung immer wieder neue
erstaunliche Tatsachen entnimmt. Professor Buschor,
der zur Zeit meines Besuches in Delphi gerade eine
Tour durcli die Pliokis machte, lenkte meine Aufmerk-
samkeit auf eine verblüffende Verbindung plastischer
und malerischer Darstellungsmittel auf einem der
Siphnierreliefs. Die Energic dieser frühgriechischen
Bildner, die Kühnheit, mit der sie sich zu helfen wußten.
ihr in unvergleichlichen Pointen sich ergebender ge-
nialer Humor sind von zündender Wirkung. Man er-
innere sich an die Figuren des Satyrn und der Nymphe
an der Armlehne des Zeusthrons auf der siphnischen
Götterversammlung! Wer erklärt, von wo das kam?
In Ägypten freilich hatte sich während der Tell-el-Amar-
naepisode schon eine hohe Meisterschaft offenbart, und
die schönen saitischen Köpfe, von denen Berlin mehrere

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