Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 355
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er, was um ihn herum geschah. Aber andererseits
fühlte sich Vasari noch zur Plejade der großen Zeit ge-
hörig; die Weihe, die ilnn einst der greise Luca Signo-
relli gegeben, von der er an einer schönen Stelle seines
Buches berichtet, gab ihm allein schon ein volles Reclit
dazu. Zudem erlebte er die Gegenwart des größten
Schöpfers seines Zeitalters, die Gegenwart Michel-
angelos, den die Zeitgenossen den Göttlichen nannten.

Auch ein Menscli ohne Ehre, Aretino konnte in
jenem elenden Brief, den er in bezug auf die Darstellun-
gen des Jüngsten Gerichtes schrieb, nicht an die Person
Michelangelos heranlangen.

Inmitten auflösender Erlebnisse, wo das Mensch-
liche versinkt und das hervortretende tierische Ur-
wesen die Welt auszufüllen scheint, wird durch die
Gegenwart solcher Persönlichkeiten der Glaube an das
Leben und an die Kraft des menscblichen Genius auf-
recht erhalten.

Doch auch hier muß nochmals betont werden, daß
das düstere Ende der Renaissance die Zeitgenossen
zwar durch seine Konvulsionen sclireckte, ihnen aber
weit weniger apokalyptisch vorkam, wie es uns er-
scheint. In jenen Tagen errichtete Vasari in Florenz
das G.ebiiude der Uffizien, das sicli dort so glücklich mit
der Felsendauer des Palazzo Vecchio vereinigt. Er
komite sich dabei noch als Vertreter der ersten Bau-
schule der Welt fühlen, denn seine Schüler waren in den
Niederlanden und in Deutschland am Werke. Zur
Zeit Vasari's kamen Entwürfe zustande wie Vignolas
Fassade des Gesü, und lebten Baumeister von der
Wucht Giacomo della Portas. Auf dem C.ebiete der
Architektur hielt diese Zeit noch immer den Ruhm des
hohen Stiles aufrecht, la bella maniera de’ tempi nostri.

Bis zum Tode Vasaris wirkt in der italienischen

Architektur der Einfluß Michelangelos nach, ihre Ent-
wicklung vollendend. Dafür treten aber in Plastik und
Malerei der Stillstand, der Kräfteverfall und das Un-
wiederbringliche des C.ewesenen seit der Mitte des
Jahrhunderts grell zutage. Nichts als ein leerer Nach-
hall sind die Fresken und Bilder des Pontormo, Bron-
zino und Vasari. Bei allem Raffinement in Aufbau,
Farbe und Technik fehlt ihnen die Kraft des Schöpfe-
rischen, und so arten sie sämtlich in Manierismus aus.

Dem Wesen der Kunst des Vasari, enspricht ganz
das Bild seiner Pcrsönlichkeit, wie es beim Lesen seines
Buches vor uns entsteht. Vasari fühlt sich noch als
zu den Meistern des großen Zeitalters gehörig, und em-
pfindet doch zugleich, daß dieses Zeitalter unwieder-
bringlich dahinschwindet. So schreibt cr denn dar-
über, um es festzuhalten, und will es in der Summe
seiner Lcistungen noch einmal wirklich sein lassen.

Hier muß gesagt werden, daß trotz mancher Män-
gel und falscher Angaben, trotz eines nicht immer ganz
zutreffenden Urteils, Vasari im Allgemeinen dieses sein
Vorhaben äußerst glücklich zur Ausführung gebracht
hat. Dcr Inhalt seines Buches packt, und außerdem hat
das Buch des Vasari ueben seinem tatsächlichen Wert
und neben der ausgezeichneten literarischen Form noch
einen weiteren Vorzug — den seltenen Vorzug, daß
der Kern seines luhalts wirkliche Wahrheit ist, reine,
lautere Wahreit.

Sie wird durch die oft hochgegriffenen Epitheta
nicht gestört, die bloß Ausdruck des natiirlichen ita-
lienischen Prunksinns sind. Sie besteht.

Der Genius von Europa, an dem wir nie verzwei-
feln werden, der Genius der freien Selbstbestimmung
und der schöpferischen Kraft dcs Menschen, leuchtet
aus den Seiten dieses Buches.

Domenico Campagnola
(geh. 1482)

Die Schlacht. B. 1U

Auktion bei
Hollstein & Puppel,
Iicrlin

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