Donath, Adolph [Hrsg.]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Seite: 457
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l-c ekanntlich sind uns noch einige alte Inventare von
Kirchenschätzen in Zeichnungen bezw. Malereien
erhalten geblieben. Es mag hier nur an die Handzeich-
nungen nach dem verlorenen Kirchenschatz der St.
Michaels-Hofkirche zu München erinnert werden, die L.
C.melin in einem größeren Tafelwerk veröffentlicht hat,
vor allem aber an jenes prächtige Miniaturenwerk der
Aschaffenburger Bibliothek, das, im Auftrage des Erz-
bischofs Albrecht von Brandenburg angefertigt, in 344
in Deckfarbenmalerei ausgeführten Zeichnungen alie die
Kostbarkeiten und Reliquien umfaßt, mit denen jener
Kirchenfürst die von ihm erbaute Stiftskirche zu Halle
schmückte. Daß dieses Werk die Vorlage zu den Holz-
schnitten Wolf Trauts im sog. Hallischen Heiligtum-
buch, dem nach Inhalt wie Kunstwert bedeutendsten
unter den altdeutschen Heiligtumbüchern aus dem An-
fang des 16. Jahrhunderts bildete, ist ja allgemein be-
kannt, ebenso wie auch die hohe kunstgeschichtliche
Bedeutung dieser Kirchenschatzinventare bereits längst
erkannt und wiederholt gewürdigt worden ist.

Eine ähnliche Bedeutung darf aber ein bisher noch
fast unbekannter Großoktavband mit Federzeichnungen
beanspruchen, der in der Bibliothek des Fiirstl. Lob-
kowitzschen Schlosses Raudnitz bei Prag aufbewahrt
wird und das Inventar der ehemaligen Silberkammer
dieses alten böhmischen Geschlechtes enthält. Da von
diesem reichen Schatz nur noch ein einziges Stück er-
halten geblieben, alles Übrige aber der Zeit zum Opfer
gefallen ist, bildet dieses Inventar eine wertvolle Er-
gänzung jener Kirchenschatzinventare, da es im Gegen-
satz zu ihnen ausschließlich Werke profaner Kunst um-
faßt, darunter viele, die für die Geschichte der deut-
schen Goldschmiedekunst der Spätgotik und Renais-
sance von nrehr oder weniger hoher Wichtigkeit sind.
Sehon aus diesem Grunde verdient die Herausgabe
jenes Inventars durch einen, mit diesem Gebiete so
vorzüglich vertrauten Fachmann, wie es E. W. Braun,
der riihrige Direktor des Troppauer Museums, ist, be-
sondere Anerkennung und Beachtung. *)

Das Inventar der Lobkowitzschen Silberkammer
besteht aus 247 Nummern, die a-uf 280 Seiten in ein-
fachen, gelbgehöhten Federzeichnungen zwar von
keiner besonders kunstgeiibten Hand, aber offenbar ge-
treu und gewissenhaft wiedergegeben sind, und muß,
wie Braun aus verschiedenen Gründen wahrscheinlich
gernacht hat, um 1650—1660 entstanden sein. Hieriiber
sowie iiber den Wert und die Bedeutung des Inventars

*) D i e Silberkammer e i n e s R e i c h s f ü r s t e n.
(Das Lobkowitzsche Inventar). Werke deutscher Goldschmiede-
kunst der Spätgotik und Renaissance von Dr. Edmund Willi.
Braun mit 72 Abbildungen auf 36 Lichtdrucktafelu. 1923. Ver-
lag von Klinkhardt und Biermann iri Leipzig.

belehrt uns zunächst eine kurze Einleitung, auf welche
dann eine sorgfältige, katalogmäßige Beschreibung der
auf den 36 Lichtdrucktafeln abgebildeten Zeichnungen
folgt, bei der sich eine geschickte Kombinationsgabe, die
aus jeder Zeichnung sogar die Technik und das Material
des dargestellten Gegenstandes herauszulesen vermag,
mit der reifen Kennerschaft des erfahrenen Forschers
in glücklichster Weise vereint.

Von den 280 Seiten des Inventars liat Braun nur die
„von besonderer Bedeutung“ aufgenommen; aber auch
so finden sich noch mehrere, die, weil sie nur einfaches
und fast ganz unverziertes Gebrauchsgeschirr zeigen,
auf den ersten Blick entbehrlich erscheinen könnten.
Indessen möchte man auch diese Abbildungen nicht
missen, weil sie nicht nur unsere Vorstellung von dem
Formenreichtum der deutschen Goldschmiedekunst des
16. und 17. Jahrhunderts erweitern, sondern auch
manch interessanten Einblick in den deutschen Hausrat
jener Zeit gewähren und daher wenigstens nach dieser,
ihrer kulturgeschichtlichen Seite hin Beachtung ver-
dienen. Weit höheren Wert haben jedoch jene zahl-
reichen Werke, auf denen in erster Linie die hohe kunst-
wissenschaftliche Bedeutung des Lobkowitzschen In-
ventars beruht. Unter ihnen ist es zunächst eine Gruppe
von Pokalen, die von Braun mit hoher Wahrscheinlich-
keit mit dem Namen des Nürnberger Goldschmiedes
Ludwig Krug und seiner Werkstatt in Verbindung ge-
bracht werden (Vergl. Taf. V, 9. 10—VI, 11—VII, 14).
Das Hauptstück dieser Gruppe ist ein wundervoller, mit
Muschelreliefs nacli Dürerschen Zeichnungen verzierter
spätgotischer Pokal (Taf. XXXII, 63). das einzige er-
haltene Stück des gesamten Silberschatzes, das noch
heute im Schlosse Raudnitz aufbewahrt wird und be-
reits vor längerer Zeit von Braun als eine Arbeit L.
Krugs, des unter den Nürnberger Goldschmieden aus
dem Anfang des 16. Jahrhunderts vielleicht bedeu-
tendsten Meisters, nachgewiesen ist. **) Wie sich bei
allen diesen Pokalen der Einfluß Dürers und seiner
Goldschmiedeentwürfe mehr oder weniger bemerkbar
nracht, so erinnert die Taufkanne Taf. I, 2 in mancherlei
Einzelheiten, wie z. B. Henkel und Ausgußrohr, an ge-
wisse Zeichnungen des jüngeren Holbein, doch ohne daß
von einer direkten Abhängigkeit die Rede sein könnte.
Vielmehr lassen sich ähnliche Formen und ornamentale
Bildungen aucli bei andern Meistern der Frührenais-
sance, so z. B. bei Brosanrer, auf dessen „Kunstbüch-
lein“ Braun des öfteren (Taf. VI, 12—VII, 13) verweist,
sowie in den Gefäßentwürfen Altdorfers, H. Hopfers
u. a. naclnveisen. Mit Recht bedient sich daher Braun
in den Bemerkungen zu den betreffenden Stücken stets

**) Siehe Mitteilunge'ri der Gesellschaft fiir vervielfältigende
Kunst. Wien 1915. S. 37 ff.
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