Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 460
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die Auswahl nicht frei von Wiilkür. Wichtige Altäre fehlen, so,
um einige beliebig herauszugreifen, der Deocarusaltar in S. Lorenz
zu Niirnberg, der Bamberger Altar des Münchener National-
museums, der Schrein in Dorfkemmaten, wichtiger als die abge-
bildeten Fliigel, der Feuchtwanger Altar, das mächtige Altarwerk
der Nördlinger Salvatorkirche, das Dehio fälschlich fiir schwäbisch
hält, der Stoßaltar der Oberen Pfarrkirche in Bamberg, der köst-
liche Renaissancealtar in Schwabmünchen. Auch hätte, bei dem
Mangel an großen vorgotischen Altären, eine Abbildung des Reise-
ziboriums Arnulfs von Kärnten in der Reichen Kapelle die Reihe
der Tafeln wirksam eröffnet. Endlich hätten die fiir protestantische
Kinder geschaffenen Altäre entweder gar nicht oder reichlicher
vertreten sein müssen. Dafür hätten einzelne Bildwerke und Ge-
mälde, mögen sie noch so schön oder kunstgeschichtlich wichtig
seiu, in diesem Zusammenhang, wo man sie nicht erwartet, weg-
gelassen werden diirfen. Von den genannten Mängeln abgesehen
aber war es ein sehr verdienstliches Unternehmen, die Entwicklung
des bayrischen Altarbaues vom 14. Jahrhundert bis zur Gegen-
wart in stetiger Folge vorzufiihren. Besonders aufschlußreich ist
das Buch für die Erkenntnis des langsamen Überganges von einem
Stile zum anderen. Mancher Bieselbacher Altar (Abb. 75), 15(11
bezeichnet, zeigt schon Renaissanceornament, zahlreiche Auf-
bauten des 17. jahrhunderts (Abb. 85 ff.) haben noch gotisierende
Bestandteile. Auch fiir das Studium der Entwicklung des kirch-
lichen Barocks bringt das Buch eine Fülle wertvollen Materiales,
wie es bisher nirgends zu finden war. Zu beda'uern bleibt, daß der
Verfasser, der vor allem berufen gewesen wäre, die liturgischen
Voraussetzungen der Entwicklung des Altarbaues darzulegen, sich
in seine Einleitung auf eine allerdings recht aufschlußreiche stil-
geschichtliche Darstellung beschränkt hat.

B a u m.

*

In der Literatur der Geschichte des Instru-
m e n t e s u n d d e r U h r erschienen:

A 1 f r. R o h d e : Die Geschichte der wissenschaftlichen Instru-
inente vom Beginn der Renaissance bis zum Ausgang des
18. Jahrhunderts. Monographien des Kunstgewerbes XVI.,
Klinkhardt und Biermann, Leipzig 1923.

Auf dem wenig beackerten Gebiete des alten wissenschaft-
liclien Instrumentes kann dieses gut ausgestattete Buch als ein
grundlegender Beginn und Ansporn zu weiteren Arbeiten betrach-
tet werden. Es war vor allem Regiomontan, der, im wesent-
lichen auf den Forschungs- und Konstruktionsarbeiten der Antike
fußend, jenen tiberragenden deutschen Instrumentenbau des 16.
und 17. Jahrliunderts vorbereitete. Das Instrument der deutschen
Renaissance ist fast ausnahmelos geboren aus Technik und Kunst.
Zu des Hamburgers I. A. Repsold nur technisch schöpfenden Ge-
schichte der astronomischen Meßwerkzeuge (Leipzig 1908) gesellt
sich nunmehr als Zweiter Rohde, dessen Arbeit, neben den kultu-
rellen, die künstlerischen Werte des alten Instrmnentes heben will.
Das ist Rohde schon zu einem guten Teil in der frisch geschrie-
benen Einleitung, die sich namentlich auch mit den Verhältnissen
des Instrumentenschmuckes zum Ornamentstich seiner Zeit be-
schäftigt, und mit den 139 gewählten Abbildungen gelungen. Der
Verfasser hatte zu dieser Arbeit eine gute Grundlage an den haupt-
sächlich von I. Brinckmanns sicherem Auge zusammengebrachten,
aber erst durch Sauerlands vorbildlicher Neuaufstellung des Ham-
burgischen Museums für Kunst und Gewerbe alllgemein zugänglich
gewordenen altwissenschaftlichen Instrumenten dieser Sammlung.
Das beweisen schon die beiden Vertreter der Haupttypen des alt-
astronomischen Gerätes dieser Sammlung: die prächtige Armillar-
spliäre, deren Ursprung um den Altdorfer Mathematikprofessor
J. Prätorius zu suchen ist und die edlen Astrolabien des Alphenus
Severus und des T. Volckamer. Rohde berücksichtigt die „Zeit-
lichen Meßinstrumente“: vor allem die Äquatoreal- und Horizontal-
uhren, die „räumlichen Meßinstrumente“: Kleingerät ftir den
Zeichentisch, Wegmesser und andere geodätische Frühinstrumente
und die „astronomisch-astrologischen Instrumente“: Sphären und
Hilfsmittel fiir kalendarische Feststellungen. Nahezu völlig aus-

geschieden bleiben in. dem Buche leider die ballistischen Instru-
mente, die nautischen und bergmännischen Bussoleninstrumente,
die in der vorteleskcpischen Entwicklungszeit meist ebenfalls in
edelster Gestaltung erstanden und die physikalischen Instrumente.
Mit der Einführung des Fernrohres an diesen Instrumenten-
gattungen setzt allerdings ein Niedergang der Schmuckfreude beim
Instrument ein. Welchen Gleichklang von Körper und Schmuck
man dem Instrument jedoch noch unter der Herrschaft des Rokoko
zu geben wußte, beweisen die fast restlos, bereits 1768 in den
Dresdner Mathematischen Salon gelangten Erzeugnisse der Werk-
statt des Reichsgrafen Hans von Löser.

Rhodes Buch vervollständigen die zahlreichen eingestreuten
Lebensdaten über einzelne Meister, ein Literaturnachweis, ein
Namen- und Sachverzeichnis und eine erste Markentafel aus
diesem Gcbiete.

E. von Bassermann -Jordan : die Geschichte der Zeit-
messung und der Uhren. Bd. I, Lief erung 7:Karl Schoy:
die Gnomanik der Araber, mit 30 Abbildungen. Vereinigung
wissenschaftlicher Verleger, Berlin-Leipzig 1923.

Von diesem großangelegten Werke E. voh Bassermann-
Jordans, dessen erste Lieferung (Borchardt: Altägyptische Zeit-
messung) der Kunstwanderer bereits würdigte, erschien als zweite
Lieferung in gleicher Ausstattung dieses neueste Werk des Essener
Verfassers. Es ergänzt vortrefflich die, namentlich im letzten
Jahrzehnt vorgeschrittene Erforschung altislamischer Wissenschaft.
Der Verfasser behandelt nach einer bibliographischen Einleitung
alle jene Gnomon-Uhren und ihre Berechnung, für deren viel-
fältige Abwandlung ihrer Schatten- und Zifferblattflächen der Alt-
araber eigene Bezeichnungen hatte. Es mag nicht jedermanns
Sache sein, in die mathematischen Formelentwicklungen und -be-
weise des Buches tiefer einzudringen. Wer sich jedoch mit. den
astronomisch-mathematischen Grundlagen dieses Gebietes gern
beschäftigt, wird sich willig von Schoy führen lassen und muß an-
erkennen, daß mit seiner Arbeit ein erhebliches Stück der Zeit-
messung der Alten kritisch beleuchtet wird.

Mathieu Planchon: L’Horloge, son historire retrospective,
pittoresque et artistique mit 150 Abbildungen, neue Ausgabe
1923 und: La Pendule de Paris, son evolution decorative mit
1.76 Abbildungen 1921. Beide Werke Verlag Zenith, Le Loele.

Die durch den Pariser Uhrmacher und -sammler Planchon
veröffentlichte Geschichte der Uhr hat in den Ländern gallischer
Zunge eine weite Verbreitung. Das Buch behandelt alle Formen
von Zeitmessern und die figürlichen Automaten. Die hochent-
wickelte, ja führend gewesene Uhrmacherei Deutschlands im 16.
und 17. Jahrhundert scheint der vqrstorbene Verfasser kaum ge-
kannt zu haben. Immerhin ist es uns notgedrungen so anspruchs-
losen Deutschen schon erfreulich, auf dem Titelblatte einem der
kräftigen Holzschnitte Jost Ammans zu begegnen. Da Amman von
Schweizer Geburt war, bestanden vielleicht für den Verfasser nicht
die Bedenken, wie bei manchen der abgebildete Uhrwerke offenbar
deutscher Herkunft, sie als solche zu bezeichnen.

Die französische Pendule in ihren verschiedensten, fast immer
graziösen, oft auch reichlich spielerischen Formen behandelt das
zweite Buch. Sie war seit dem Rokoko und ist schließlich noch
heute eine Domäne der französischen Uhrmacherei mit durchaus
nation-aler Note, wenn man von den häufig üblen Stilnachahmungen
des ausgehenden 19. Jahrhunderts absieht. Das Buch bringt uns
die Pariser Pendule in ihrer vielfältigen Abwandlung, in ihren meist
anziehenden Zusammenklang verschiedener Materialien: Holz,
Keramik, Stein, Schildkrot mit der oxydierten oder blanken Bronze,
mit ihren meist „aktuellen“ Anspielungen: frühe Luftschiffahrt,
Kriegsereignisse, koloniale Vorgänge, Herrscherverherrlichungen
usw. in der Glanz- wie Niederga-ngsperiode dieses Teiles der fran-
zösischen Uhrmacherei, namentlich durch sein, reiches Abbildungs-
material nahe. So zeigen uns viele Wiedergaben zeitgenössischer
Graphik, zur Pendule im Raum, auch die Menschen ihrer Zeit.
Sicher war jener Pariser Uhrmacher um 1835 schon ein smarter
Geschäftsmann, der Pendulen mit einer klassisch gewandeten Figur

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