Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1785 (1787)

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Supplemente

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Numero 39.

GOTTESGELAHR THE TT.
Halle, bey Trampens Wittwe : Ordern -Ri·
geln der Piarißen oder der Hüter der srommen
Schulen, mit erläuternden Bemerkungen aus der
Geschichte dieses Ordens und hieher einschlagen-
den Nachrichten von ihrem Schulwesen. Zweiter
Theil. 1784· 230 S. 8.
Der Ä^erf. giebt zu erkennen, dafc er ein
Mitglied des Ordens in der Böhmischen Provinz
gewesen sey, aber den Orden, und zugleich mit
diesem die Römische Kirche, verladen habe. Ein
solcher Mann war freylich im Stande , von der
neuesten Verfassung des Ordens, wenigstens was
Böhmen und Mähren betrift, gute und genaue
Nachrichten zu geben. Sein Austritt aus dem Or-
den, und die etlichemal vorkommenden Klagen
über erlittene Bedrückungen in demselben, könn-
ten ihn zwar verdächtig machen; allein ein unbe-
fangener Leser wird Schwerlich Spuren von Par-
theylichkeit entdecken, obgleich derVerf. die un-
leugbaren Gebreihen des MÖnchswesens überhaupt
und des Ordens der Piaristen insonderheit aner-
kennt und freymüthig beurtheilt. Zu bedauren
ist es aber doch, dal's er nicht mehr Quellen und
Hiilfsmittel hatte, als eine hie und da fehlerhaft
geschri ebene Abschrift der zwey ersten Theile der
vom Pabst Gregorius XV betätigten ron/Zziihzom/w
congregationir pauperum matns Dei scholarum pia-
rum, und seine eigenen Erfahrungen. Nicht ein-
mal eine gedruckte Ausgabe der Constitution hat-
te er zur Hand, und in seiner Abschrift fehlte sogar
der wichtige dritte Theil, welcher die Regierung
des Ordens betrift, und, wie derVerf. sagt, von
den Obern selbft vor den Gliedern des Ordens ge-
heim gehalten tvird. Er giebt inzwischen , was
er geben konnte. Der erste Band, welcher 1783
herauskam, enthielt den ersten Theil der Consti-
tution; der vor uns liegende Band liefert den
zweyten Theil, welcher vornemlich von den Ge-
lübden und von den Piaristischen Schulen und dem
Unterricht, der darin ertheilt wird, handelt, und
aus 11 Hauptstiicken bestehet. Von jedem Haupt-
stiick der Constitution wird der lateinische Origi-
naltext und eine deutsehe Uebersetzung davon ge-
<d· L. Z. 1785· Supplementband.

liefert» und darauf folgen dann die Anmerkungen,
welche bey weitem den grossten Theil des Buchs
ausmachen. Ein Theil derselben erläutert solche
im Text vorkommende Ausdrücke und Sachen,
welche Lesern, die mit Ordenswesen und Kloster-
einrichtungen, oder mit den Gebräuchen der Rö-
mischkatholischen Kirche nicht sehr bekannt sind,
unverständlich seyn könnten. Andere beschreiben
die jetzigen Gewohnheiten der Piaristen , wenig-
stens in der Böhmischen Provinz, und zeigen an,
worin diese von der ursprünglichen Regel abwei-
chen. Noch andere erzählen allerley Vorfälle und
Begebenheiten, die der Verf. erlebt, oder von
andern gehört hat, und die ihm dienlich schienen,
den Geilt und die Sitten seiner gewesenenOrdens-
brüder, besonders die Herrschsucht und Strenge
der Obern , kenntlich zu machen. Unter andern
gedenkt er gelegentlich S. 96. auch der Bibliothek
des Fiirsten von Dietrichi’ein zu Nikolsburg, die
in ganz Mähren , und vielleicht auch weit und
breit ausser Mähren, keine ihres gleichen in ihrer
Art habe. Sie soll fast aus lauter griechischen und
orientalischen Handschriften bestehen. Der Verf,
sagt, er habe einst das Glück gehabt auf einige
Minuten hineinzukommen, und habe wirklich zwi-
schen zehn geschriebenen Büchern kaum ein einzi-
ges gedrucktes gefunden. Nur sey dieser Schatz
in völliger Unordnung und scheine jetzt bloss für
Schaben und Mäuse bestimmt zu seyn. Es soll
diese Sammlung vom Cardinal Bischof zu Olmütz»
Franciscus, Fürsten vonDietrichstein, herrühren,
der die Piaristen zuerst nach Mähren berief. —,
Endlich findet man auch häufig Anmerkungen, in
welchen der Verf. über den Inhalt der Ordensre-
geln, und über die Einrichtungen und Gewohn-
heiten des Ordens frey sein Urtheil sagt, oder
auch spottet. An Stoff zur Satyre konnte es frey-
lich nicht fehlen, da selbst der Text, über den
commentiret wird, Steilen enthält, wie folgende:
„Es mussen sich alle von der Vorsehung mittelst
ihrer Obern lenken und leiten lassen, nicht an-
ders, als wenn sie jenes Eselein wären, aus dem
Christus am Palmsonntage sass, welches sich auch
überall hin lenken und führen liess. S. 25.
Am merkwürdigsten ist unstreitig das , was
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