Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1785 (1787)

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244 SUPPLEMENTE ZUR A.L. Z.

eine Bedeutung erhalten. 2) sind viele falsch;
und die, welche ersüllt werden, so viel oder so
wenig es seyn mögen, können in einem blossen
Zusammentreffen bestehn· Unser Vers. selbst gibt
die Lehre: Sey in keinem foichen Falle leichtgläu-
big , sondern eher fchwergläubig. ■— Zweyter
Band. — Zweytes Hauptstiick. — INie werden
die Erkenntnissquellen getrübt? a) Durch Leiden-
schaft. b) Durch Vorurtheile. — S. 17. lieset
man folgende schöne Stelle. „Es gibt eine Art
von Vorurtheil, die nicht einmal mehr einen Ein-
wurf gegen ihre Meynung duldet Solche Ueber-
weugung nenne ich: eine desperate Ueberzeugung;
weil sie eitle Nothhiilfe eines ruhesuchenden Her-
zens ist.“ — Was kann man also von denen la-
gen, die Bücher verbieten und verbrennen, weil
sie Einwürfe enthalten? — fo Das Norurtheil des
Beyfalls; d) des INidcrspruchs ; fo des Alten. Viel
Gutes von den Quellen und Wirkungen desselben.
— /) des Neuenj g) der grauen Haare'·, E) der
Kinderfiube. Hier iil der \ erf. wieder sonderbar.
Er verwirft die Vorurtheile der Kindersiube, aber
er warnt zugleich vor dem Vorurtheil wider alle
Vorurtheile der Kinderfiube. — (Der Ausdruck
ist etwas räthselhaft; es soll heissen, dass man lieh
ja hüten muss, alle Vorurtheile der Kinderfiube
auszurotten — und warum?) weil es die Quelle
des Unglaubens ist. — (So! also kann man keine
Religion, keinen Glauben, ohne Vorurtheil der
Kindersiube, haben; — also entweder ist die Reli-
gion ■— Äforurtheil der Kinderstube, oder grün-
det sich darauf. Das sollte der Vf. als Theolog,
als Priefter nicht sagenfo — 1) der Theorie', und
A) der Antifyfiematiker. — Darauf wird ferner
gezeigt wie man das erkannte Vorurtheil ablegen
soll. — Rec. scheint dies ganz iiberssüssig; das
erkannte Vorurtheil hort auf-Vorurtheil zu seyn,
eben deswegen, wreil es erkannt ist. Lieber
hätte der Verf. von den Mitteln reden seilen, wo-
durch man das Vorurtheil erkennt· ■— „Nie¬
mals sind wir näher an den Gränzen neuer Irrthü-
mer, als wo (wann) wir den Betrug der alten
entdecken,“ Der Verf. zeigt, wie Vorurtheile
und Leidenschaften, Pyrhonismus, Uebereilung,
Steissmn, Schwärmerey etc. erzeugen. ·— Gegen-
gist wider die Zweifelsucht; — das einzige ist ·—1
Gottessurcht. — Hier sseht man wieder, dass der
Verf. seinen Blick auf Religion einsehränkt, und
mit dem Spruche: Wer meines Vaters Willen
thun wird, wird die Wahrheit meiner Lehre er-
kennen; den der Versasier zum Ueberdruss an-
führt, Misbrauch treibt. Es ist doch wahrlich
hart, und wider die Erfahrung, wenn man be-
hauptet, dass jeder Zweisser ein unmoralischer,
Gottesvergessner Mensch ist. — Non der Spra-
che. Unvollkommenheit derselben. — Dieses
Stück ist lehr ''mangelhaft. Man findet darin
nichts von den Worten, weiche keine bestimmte
Ideen erwecken können, weil sie, biosse Verhält-

nisse ausdriieken; als, fchön, grofs, gut etc.
nichts von dem verschiedenen Sinn vieler Worte,
Tugend, INelt, Schwachheit, etc. Nichts von dem
schwankenden Sinn der Abstraäionen; nichts von
der blossen symbolischen Kenntniss durch Wor-
te etc. Die Lehren in diesern Stück gehören
mehr in die Rhetorik, als in die Logik. — Drit-
tes Hauptftiick. — Wie aus den Erkenntnissquel-
len Gewilsheit und Ueberzeugung ssiesst. — a)
Non Evidenz, INahrfcheinlichkeit und Zweifel. Viel
Gutes über Evidenz,· von Wahrscheinlichkeit und
Zweifel viel zu wenig. —- so /V der Ueberzeu-
gung. — Sehr gut; z. B. “Ueberzeugung ist
nicht dasWahrseyn einer Sache; sondern das Für-
wahrhalten. — Es gibt Scheinwahrheiten,
aber keine eigentliche Scheinüberzeugung; —
dies wäre ein Widerspruch. “ —· „Es kann
kein Gesetz sür Menschen seyn: Denke, re-
de jederzeit nach der JNahrheit', sondern: Den-
ke, rede nach deiner besten Ueberzeugung —;
denn es ist bey dem redlichften Befireben ost. nicht
möglich, das Wahre zu sehen. “ Wie kann man,
nach soichen Grundsätzen, von einer alleinseelig-
machenden Kirche sprech'en, und Andersdenkende
verketzern? Wie kann man einmal suchen, Pro-
selyten zu machen? denn es ist möglich, dass der
Millionär, seiner redlichsten Prüfung und seines
treueilen Eifers ohnerachtet, irre, und seine Pro-
selyten in Irrthum werfe. — Ferner — : „Der
Weise, wenn er von Gewissheit redet, schränkt
die Ueberzeugung gern aus sein Ich ein. — Die
Sprache des Menschenkenners, der Ton des Men-
schenfreundes ist: — Ich dars den Nächften nie
nach meine Ueberzeugung richten; denn er ift er,
lind ich bin ich.“ Man weiss nicht, was man
hier am meisten bewundern soll, denschönen Sinn,
oder den vortressichen Ausdruck; aber nun wieder o
eine Stelle von anderm Gehalte: (S. 123.) „Die
Geschichte der menschlichen Ueberzeugungen
kann den redlichen und erleuchteten Wahrheits-
freund , zwar für fich duldfam, aber ja nicht zum
Prediger der uneingefchränkten Duldung machen;
weil aus den Trümmern der Glaubensreligionen,
deren Priester der Clerus ist, endlich, wenn fich
jeder seinem Raisonnement hingibt, eine (Reli-
gion) entliehen muss, deren Gott und Priefter
Despotismus heisst.“ — Also. ja keine uneinge-
schränkte Duldung! — Wo bleibt das: Er ist ert
und ich bin ich? Rec. bekennt, dass er zwar ein-
lieht, wie aus Glaubensreligion Despotismus, Ty-
ranney entliehen können; aber dass er mit aller
Anstrengung nicht begreife, wie Despotismus aus
eignem Raisonnement entliehen könne.— Anarchie
aber wol. — S 124. Legende.— Es ist eine
Allegorie, welche das Verhalten der Menschen in
Ansehung der Wahrheit, mit vielen guten und tref-
senden Zügen schildert; worunter aber wieder einige
sich mischen, die nicht von gleicher Güte sind, —-
( Der Besehl uß; solgt. )
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