Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Und wenn ich davon gesprochen habe, daß man dem Hand-
werk als Ganzes eine bestimmte Menge Arbeit geben müsse,
die als Ganzes dem Bedürfnis des Marktes entspricht, so bin
ich damit auf noch größeren Widerstand gestoßen. Ich habe
das übrigens nicht so gemeint, daß man etwa plan-
wirtschaftlich vorgehen müsse und die Güterproduktion mittels
diktatorischer Vollmacht zwischen Handwerk und Industrie auf-
teilen soll. Ich habe vielmehr daran geglaubt, daß es durch
eine gewisse Ordnung der handwerklichen Produktion in der
Form von Gütenormungen ermöglicht werden könne, daß be-
stimmte Dinge von bestimmten Käuferschichten ohne jede
Ueberlegung vom Handwerk gefordert werden.

Trotz des unverkennbar großen Widerstandes und trotz der
einleuchtenden Gegenargumente bleibe ich bei meiner Mei-
nung und möchte sie im folgenden noch einmal in grober Um-
rißskizze darlegen. Ich werde darin bestärkt, diese Frage noch
einmal aufzurollen durch die Zustimmung von Obermeister
Hansen zu meinen Vorschlägen über die Gütenormen der An-
strichfarben und durch die Tatsache, daß, wie Otto Rückert
in Heft 2 der „Form" mitgeteilt hat, diese Anregung von der
Münchener Meisterschule für das Maler- und Lackiererhand-
werk aufgegriffen worden ist und weiter verarbeitet wird.

Ich erlaube mir, mit einer kleinen Episode zu beginnen. Kürz-
lich sprach bei mir ein junger Holzbildhauer, ein Schüler von
Professor Winde in Dresden, vor. Er fertigt in Holz einfaches,
handwerklich sauberes Schreibtischgerät. Er frug mich, ob ich
ihm nicht Firmen nennen könnte, die diese Muster maschinell
im Großen herstellen. Freunde und Bekannte hätten
ihm dazu geraten, weil die Muster sich für Massenherstellun-
gen vorzüglich eignen. Irgendwo, das spürte ich bald, hatte
der junge Handwerker Hemmungen. Ich frug ihn nach dem
Preis einzelner Gerätschaften und ob er glaube, daß die
Industrie diese Sachen billiger herstellen könne, d. h. natürlich
für einen billigeren Verkaufspreis, als er jetzt für seine hand-
werkliche Ausführung nehmen muß. Außerdem würde voraus-
sichtlich kein so großer Bedarf sich ergeben, daß eine Massen-
herstellung in Frage käme. Der junge Handwerker, der durch-
aus die industrielle Herstellung, ihren Wert und ihre Möglich-
lichkeit bejaht, sah ein, daß sich, abgesehen vielleicht von
seinem Verdienst, eine Notwendigkeit der Uebernahme seiner
Modelle auf die Großfabrikation nicht ergibt. Ich spreche
wohl eine Binsenwahrheit aus, wenn ich daraus folgere, daß
bestimmte Erzeugnisse der handwerklichen Produktion durch
die Industrie in der gleichen Qualität nicht billiger an den
Käufer herangetragen werden können, als es das Handwerk
tun kann. Das gilt sowohl für Gegenstände, für die ein so
großer Bedarf nicht vorhanden ist, daß eine maschinelle Pro-
duktion in Frage kommt, gilt aber auch für Gegenstände, für
die ein großer Bedarf vorhanden ist, für die aber eine gewisse
handwerkliche Qualität einen besseren Gebrauchswert und eine
längere Haltbarkeit verbürgt. Man kann jedenfalls heute nicht
mehr sagen, daß bei allen Gerätschaften dem handwerklichen
Produkt ein größerer Qualitätswert innewohnt, aber bei vielen
Produkten ist es der Fall. Wichtig ist, daß das Handwerk
größere Lagerhaltung, Zwischenhandel und Transport nicht
benötigt.

Es müßte sich irgendwer der Mühe unterziehen, bestimmte
Gegenstände einmal daraufhin zu untersuchen, was sie als
industrielles Fabrikat kosten, welche Qualität sie haben, ob eine
handwerkliche Herstellung eine bessere Qualität ergibt und
was das Handwerksprodukt kosten würde. Beispielsweise:
Küchenstuhl, Kleiderschrank. Wenn man das für einige Ge-
werbe tun würde, so käme man, wie ich nicht zweifle, zu Er-
gebnissen, aus denen sich weitere, für das Handwerk günstige
Schlüsse ziehen ließen. Ich bin in meiner Meinung noch be-
stärkt worden, als ich auf der derzeitgen Berliner Ausstellung
„Die Frau" die Abteilung der Berliner Tischlerfachschule sah.
£s handelt sich um Modelle für handwerkliche Ausführung. Die
Schule selbst darf nicht fabrizieren, aber auf der Ausstellung
v/erden Aufträge auf die Muster entgegengenommen, die dann
von Schreinern ausgeführt werden. Die Preise sind bei den
Modellen angegeben.

Ich finde, daß damit etwas ganz Richtungweisendes ange-
deutet ist. In früheren Zeiten hat das Handwerk auch nach
Mustern gearbeitet. Man lasse sich doch durch die Museums-
slücke nicht irreführen! Die Spezialanfertigung für die In-
dividualität des Käufers stellte stets nur einen geringen Umfang
in der handwerklichen Gütererzeugung dar. Warum sollten
heute nicht geeignete Stellen sich daran machen, wirklich zeit-
gemäße und handwerksmäßige Muster herzustellen? Varia-
tionen und Spezialanfertigung haben immer noch Raum. Viel-
leicht ist damit der Handwerkerschule eine neue Zielrichtung
gegeben. Ich darf wieder einmal zitieren aus einem Brief von
Professor Rupflin: „Das Handwerk hat heute kein „unbe-
zweifelhaftes Traditionsgut" mehr, das es unbehindert und
unverändert von Generation zu Generation übertragen könnte.
Es existiert nicht mehr in seiner alten Verfassung und in seinem
alten Zustand. Es hat aber als wirtschaftliches Gebilde eine
erstaunliche und verhältnismäßig krisenfestere Anpassungsgabe
an den Tag gelegt als die Großbetriebe und es wird vermut-
lich in veränderter Gestalt trotz augenblicklichen Tiefstandes
weiterbestehen. Die Veränderung der technischen Lage hat
ihm aber eine Reihe Schwierigkeiten eingebracht, die es allein
nicht mehr meistern kann. Eine Handwerkerschule, die dem
Handwerk dienen wird, kann m. E. nur im Typ der Lehr- und
Versuchsanstalt zum brauchbaren Institut für die Erziehung
seines Nachwuchses werden. Die Erfindung technischer
Mittel, die früher ausschließlich in der Hand des Meisters selbst
lag, hat das Fabriklaboratorium übernommen. Die Eroberung
der technischen Neuerscheinung jedoch bleibt ihm überlassen,
ohne daß er sich in der Flut des technischen Fortschrittes zu-
rechtfindet. Die Empfehlungen hoher Prüfungsstellen haben für
den Handwerker nur beschränkten Wert. Er will selbst hin-
gehen und zusehen können und womöglich dabei seinen Sohn
oder einen tüchtigen Gehilfen mitarbeiten sehen. Ein derart
arbeitendes Institut müßte nach meinem Dafürhalten von der
Meisterschaft ganz von selbst getragen werden und genösse
bestimmt das Vertrauen der handwerklichen Kreise."

Dieser Vorschlag Rupflins ist sehr beachtenswert; er zeigt,
daß eine Gemeinschaftsarbeit in einem Institut geleistet werden
könnte für das Handwerk. Ich gehe noch weiter und frage,

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