Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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wäre es nicht möglich, in einem solchen modernen Forschungs-
und Schulungsinstitut Modelle zu schaffen und zu verfeinern,
die von allen Handwerkern benutzt werden könnten? Das, was
früher im Mittelalter die Musterbücher und die selbstverständ-
lichen Formen der handwerklichen Erzeugnisse waren, würden
diese Mustertypen, die natürlich hinsichtlich Brauchbarkeit und
handwerksmäßiger Darstellung das Vollendetste sein müßten.
Natürlich sind ständige Besserungen, Wandlungen und Kon-
trollen notwendig. Ich betone nochmals: früher, zu Zeiten hand-
werklicher Hochkultur, war es so und es war selbstverständlich.
Vieles, was früher selbstverständlich war, muß heute organi-
siert werden, das sehen wir auf vielen Gebieten.

Einzelne Fachzeitschriften haben schon ähnliche Dinge ver-
sucht. In Tischlerzeitschriften findet man solche Muster, über
deren Güte man sich vielleicht streiten kann. In der Deutschen
Goldschmiedezeitung werden schon lange einzelne einfache
Schmuckstücke mit Material- und Arbeitszeitangabe veröffent-

licht. Warum soll so etwas nicht für viele Handwerkszweige um-
fassend und gut gemacht werden können?

Beim Friseur hängen Bilder von Haarschnitten und Frisuren an
der Wand, der Kunde oder die Kundin deutet darauf und sagt,
diesen Schnitt, diese Frisur wollen sie haben. Wer etwas ganz
besonderes anderes haben will, sagt es ebenfalls. Ähnliche
formale Normen, auch modischer Natur, gibt es für den Maß-
schneider.

Der enge Zusammenhang mit der Frage und der Möglichkeit
der Gütenormung ist ganz klar und eine Art Preisnormung im
Zusammenhang damit ist zwar schwierig, aber ich glaube trotz-
dem, daß sie in bestimmtem Umfang möglich ist.

Ausgangspunkt ist die handwerkliche Konstruktion und
Werkstoffbearbeitung. Das braucht nicht im altertümlichen
Sinn zu sein, sondern so, wie Rupflin das für die Forschungs-
arbeit der Schulinstitute darstellt: mit neuen Materialien und
neuen Verarbeitungsmethoden. W. Lötz.

MITTEILUNGEN DES DE

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„Eine schöpferische Rede"

Unter dieser Überschrift veröffentlicht die Werkbund-Korre-
spondenz folgende Reminiscenz:

Durch mannigfache Erörterungen der letzten Zeit wird man
immer wieder an jene berühmte Rede erinnert, die Hermann
Mu t hes ius vor fünfundzwanzig Jahren, genau gesagt, im Januar
1907, an der damals neu eröffneten Berliner Handelshochschule
gehalten hat. Es war dies die erste akademische Vorlesung
über neuzeitliches Kunstgewerbe, sie behandelte gleichzeitig
die künstlerische, die wirtschaftliche und die kulturelle Be-
deutung dieses umfassenden Arbeitsgebiets und knüpfte dabei
an den großen Erfolg der Dresdner Ausstellung von 1906 an.
Das meiste, was Muthesius damals sagte, hat heute noch volle
Gültigkeit. Er begann: „Die Verwendung der Äußerlichkeiten
der alten Kunststile ist von der Tagesordnung abgesetzt, man
bestrebt sich, eine eigene, neue selbständige künstlerische
Sprache zu reden. Nur eine jugendlich bewegte,
enthusiastische Zeit konnte diesen Schritt tun. Tat-
sache ist, daß ein derartiger Neuausgang auf stilistischem
Gebiet seit Jahrhunderten nicht genommen worden
ist ... . eine nationale Großtat von nicht zu unterschätzender
Bedeutung." Später fügt er ein Wort hinzu, das schlechthin
überraschend sich mit einer jüngst vom Architekten Schmitt-
henner aufgestellten Forderung deckt; Muthesius sagte schon
damals: „Allerdings gehört eins dazu (nämlich zur Herstellung
neuer Typen): daß der Produzent nicht nur mit seiner Be-
rechnung, sondern auch mit seinem Herzen bei der
neuen Bewegung ist."

Auch sonst ist die Rede von Muthesius überreich an Aus-
lassungen, die auch gegenwärtig noch Bedeutung haben. Etwa:
„Das Kunstgewerbe hat das Ziel, die heutigen Gesellschafts-
klassen zur Gediegenheit, Wahrhaftigkeit und bürgerlichen
Einfachheit zurückzuführen. Es wird nicht nur die deutsche
Wohnung und das deutsche Haus verändern, sondern es wird
direkt auf den Charakter der Generation einwirken ...
Erst dann, wenn die Grundsätze des Kunstgewerbes auf das
ganze große Gebiet der privaten und öffentlichen Baukunst
ausgedehnt sind, wird die wahre Mission des Kunstgewerbes
erfüllt sein." Auch die Forderung von der Entwicklung der
Baukunst aus der Landschaft und dem Volksleben heraus hat

UTSCHEN WERKBUNDES

April 1933

Muthesius schon vor einem Vierteljahrhundert als selbstverständ-
lich vertreten: „Die eben begonnene neue Bewegung im Haus-
bau kann im ganzen dahin definiert werden, daß an die
Stelle der aufgeputzten, mit allerhand historischem Formen-
kram überladenen Villa ein einfaches Haus tritt, das sich an
die ländlichen Baumotive anschließt." Aus der gleichen
Gesinnung heraus sagt dann Muthesius: „Es kommt in der
kunstgewerblichen Bewegung gar nicht auf den sogenannten
modernen Stil an . . ., ein Stil ist das Ergebnis einer ernst
strebenden Zeitepoche. Der Stil ist nicht etwas, was man
vorweg nehmen kann, sondern er ist die große Zusammen-
fassung des aufrichtigen Strebens einer geschlossenen Zeit . . ."

Immer wieder fordert Muthesius „selbständigen Geschmack
und überlegene nationale Kultu r", mit den härtesten
Worten geißelt er die Trägheit, so des Gedankens wie des
Herzens, der damaligen Produktion: „Man kam nicht auf den
Gedanken, daß die geistigen, materiellen und sozialen Be-
dingungen unserer Zeit total andere geworden waren, und
daß man daher, indem man die äußere Erscheinungsform alter
Handwerkererzeugnisse imitierte, eigentlich Falsifikate in die
Welt setzte." Die neue Forderung mit der klassischen Ge-
wöhnung der Väter verbindend, erinnert Muthesius (auch hierin
mit Schmitthenner übereinstimmend) an Goethes Gartenhaus
und vergleicht es mit dem aufgedonnerten Salon einer da-
maligen Bühnengröße: „Hier Protzerei, dort äußerliche An-
spruchslosigkeit und Bescheidenheit, hier eine Talmi - Aristo-
kratenkunst, dort die unverschleierte bürgerliche Gesinnung."

Diese vortreffliche Rede führte bekanntlich zu schweren
Angriffen der Fachleute und ihrer Verbände gegen den
mutigen Künstler und Ethiker, sie führte aus solchen Kämpfen
heraus zur Gründung des Deutschen Werkbundes, der noch
heute in Muthesius einen seiner besten Pioniere verehrt.

Von der Berliner Zentrale:

Der Vorsitzende des Deutschen Werkbunds hat mit dem
Reichskanzler Adolf Hitler eine eingehende Bespre-
chung über den Deutschen Werkbund gehabt, ebenso durch
des Reichskanzlers Empfehlung mit dem geistigen Leiter des
Kampfbundes für deutsche Kultur, dem Reichstagsabgeordneten
Alfred Rosenberg (Autor u. a. des „Mythos des 20. Jahr-

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