Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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beansprucht hat, es interessiert uns nur was sie kostet und
was sie uns wert ist. Deshalb sind unsere Kannen nicht mehr
aus Gold oder Silber, sondern aus einem Material, das uns
hygienischer erscheint, aus Porzellan.

Eines ergibt sich ganz deutlich, wenn wir uns den rationali-
sierten Betrieb ansehen, der als Ganzes gesehen nichts anderes
als eine große, ständig in Bewegung befindliche Maschine dar-
stellt: es erfordert jeder Gegenstand seinen bis ins letzte fest-
gelegten Produktionsgang, aber das bedeutet hier, daß eine
gewollte Änderung des Gegenstandes eine Änderung und Um-
stellung des ganzen Produktionsganges nötig macht. Tatsäch-
lich bedeutet ein neues Muster oder die Anwendung eines
anderen Materials eine um so teuerere Umstellung und Ände-
rung der ganzen Maschinerie des Produktionsganges, je mehr
rationalisiert und technifiziert ist. Eine neue Karosserie oder
überhaupt ein neues Modell bei Opel kostet Millionen in der
Umstellung der Produktion und der Maschinen.

So wird der ganze Betrieb ein höchst kompliziertes großes
Werkzeug, in dem der arbeitende Mensch kaum noch zu finden
ist, nur der Maschinenmeister, der Kontrolleur haben ihre un-
schöpferischen Funktionen auszuüben.

Aber all das richtet sich doch letzthin nach dem, was der
Mensch verlangt, nach dem Bedarf. Der Bedarf hat seine
Grenzen. Wenn mehr fabriziert wird, setzt die Krise der
Rationalisierung ein. Was nützte es, noch so billig Milliarden

von Austerngabeln herzustellen, wenn dabei, um den billigen
Preis zu erreichen, so viel fabriziert werden müßten, daß sie
jeden Bedarf übersteigen. Man würde mit allen Mitteln die
Austerngabeln propagieren, aber auch da gibt es Grenzen
der Möglichkeiten. Dinge, für die nur ein geringer Bedarf vor-
handen ist, werden deshalb nur in bescheidenem Maße her-
gestellt werden können und ihr Preis wird relativ höher sein
müssen als der von Objekten, für die ein großer Bedarf vor-
liegt. Aber deshalb wird man auch an solche Objekte wieder
höhere Ansprüche stellen. Der Mittel- und Kleinbetrieb wird
die Produktion dieser Objekte in weniger technifizierter und
rationalisierter Form bewältigen können und müssen. Hierzu
gehören auch die wertvoller ausgeführten und modischen Ob-
jekte, die über gleiche Objekte mit nur zureichender Aus-
führung hinausragen.

An der Gestaltung der Waren hat die Rationalisierung den
großen Anteil durch die Entfernung all dessen, was den Her-
stellungsvorgang erschwert und verteuert. Positiv heißt das, sie
hilft direkt und indirekt mit, die Form zu finden und die Aus-
führung, die zureichend für die Erfüllung der gewünschten
Funktion ist. Sobald besondere Werte gefordert werden, die
in der geistigen Funktion liegen, muß sie sie berücksichtigen,
sonst würde der Markt sich gegen die Ware wehren; deshalb
ist hier, wie wiederum betont sei, auch die geistige Funktion,
die zeitlich beeinflußt ist, mit einbegriffen.

Statistische Betrachtung geschichtlicher Zusammenhänge*)

Die Zahl ist eine meist verkannte Erkenntnishilfe, weil wir
gefühlvoll aber unklar ihre zwingenden Bekundungen um-
gehen möchten. Die vielen offenen oder versteckten Polemiken
neuromantischer Gemüter gegen Statistik treffen niemals das
Wesen dieses Instrumentes, sondern bestenfalls dessen noch
unzulängliche Anwendung. (Auch Goethes falsche Einwände
gegen Newton gehören weitgehend zu jenem erkenntnis-
theoretischen Irrtum, daß grundsätzlich nur bestimmte
Themen und Materien einer zahlenmäßigen Fassung zugäng-
lich seien.) Die geschichtliche Bildung des heutigen Euro-
päers wäre weniger zerbröckelt und weniger ein bloßes Klein-
wissen von Einzelheroen, wenn große statistische Ueberblicke
gelehrt würden.

Es ist nun zuzugeben, daß komplizierte Zahlenreihen schlecht
gemerkt und deshalb bereits lustlos aufgenommen werden.
Es bedarf also für die allgemeine Bildung erstens einer Ver-
einfachung, zweitens einer Veranschaulichung der statistischen
Reihen. Vereinfachte Mengenbilder sich zu merken ist besser als
genaue Zahlen vergessen. Die bisherige statistische Veran-
schaulichung suchte durch Kurven und nebeneinander ge-
stellte Säulen die Mengenverhältnisse zu verdeutlichen, wo-
durch jedoch niemals der Inhalt als solcher anschaulich wurde.
Oder man benutzte anschauliche Symbole (Menschen, Pferde
usw.) in verschiedenen Größen, wodurch wieder die Mengen-
verhältnisse nur unpräzis zum Ausdruck kamen.

Die „Wiener Methode" bringt folgenden Fortschritt: Alle
Großmengen werden in gleich große Teile zerlegt und
sprechende, symbolische, gleichförmige Bilder für jede Teil-
menge in reihenmäßiger Anordnung verwendet. Die Dar-
stellung bleibt additiv. Große Mengen werden durch Wieder-
holung des Zeichens ausgedrückt, wobei ein Zeichen immer

*) Zum Bildstatistischen Elementarwerk „Gesellschaft
und Wirtschaft". 100 farbige Tafeln. Gesellschafts-
und Wirtschaftsmuseum in Wien. Verlag Bibliogr. Institut A.-G.
in Leipzig.

dieselbe Menge bedeutet. Die symbolischen Zeichen bleiben
auf allen Tafeln des Atlas dieselben. Abweichungen der
Form bedeuten auch Abweichungen des Inhalts. Die Farben
sind bestimmten Bedeutungen zugeordnet. Dazu kommt eine
zum erstenmal ästhetisch befriedigende Symbolisierung
und Verteilung, so daß der Anblick sämtlicher Tafeln lust-
betont bleibt. (Verdienst vor allem des Malers Arntz, den ich
dem Institut hierfür verschaffte.)

Alles das wäre aber nichts, wenn nicht die Hauptarbeit in
Dr. Neuraths Händen (des Direktors des „Wiener Museums für
Gesellschaft und Wirtschaft") weifblickend wäre. Groß und
dabei einfach gestellte Probleme, gesamtgeschichtlich und
dabei aktuell, durchsichtig in der Lösung und dabei so genau
als irgend möglich der jeweiligen spezialwissenschaftlichen
Kenntnis angepaßt.

Es ist verblüffend, wie hier (kaum daß Worte gemacht zu
v/erden brauchen) die Dinge und Verhältnisse für sich selber
sprechen. Man kann den Atlas allen Völkern in die Hände
geben, da er die Probleme dauernd in Weltzusammenhänge
einreihi'. Man kann das Werk Gelehrten vorlegen, aber auch
Kindern und Analphabeten. Denn die ausgedachte inter-
nationale Sach- und Zeichensprache ist wirklich schlagend.

Unsere äußerst willkürliche und unnahrhafte Schulbildung
erhält hier ein anschauliches, einfaches Großgefüge, das für
alle Volks-, Mittel- und Hochschulen zugleich ordnend wirken
wird. Solcher Orbis pictus kann aller Weltgeschichte das
Schwimmende nehmen.

Und wie sähe, um mit meiner Spezialwissenschaft zu
schließen, die Kunstforschung aus, wenn sie nicht nur indivi-
dualistisch oder allzu allgemein stilfestlegend, sondern dazu
auch derartig quantitativ die großen weltgeschichtlichen Zu-
sammenhänge zu fassen suchte, also ebenfalls das statistische
Element sprechen ließe und dadurch erst ein volles Bild von
der wirklichen Verteilung der Stile und der wahren Wirkungs-
breite großer Meister usw. geben würde! Franz Roh.

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