Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

Page: 193
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1933/0203
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
Innenraum mit Blick gegen das Tokonoma des Wohnhauses Nakagawa in Kioto. — Beginn der Edozeit (um 1600). —
Die Bilder auf den Seiten 193 bis 205 sind einem japanischen Mappenwerk entnommen, das die japanische Architekten-
schaft anläßlich der Ausstellung deutscher Architektur in Tokio im Jahre 1932 dem Bund Deutscher Architekten BDA über-
reicht hat. Die Ueberlassung dieses Materials verdanken wir dem Entgegenkommen der Hauptverwaltung des BDA.

Japanische Wohnkultur

HELMUT HENTRICH, DÜSSELDORF

Die japanische Wohnkultur ist bodenständig verwurzelt und völkisch bedingt. Eine Übernahme ihrer Elemente muß daher zum Formalismus führen.
Wir zeigen die japanischen Wohnhäuser und Gärten auf den folgenden Seiten hauptsächlich als Beispiel einer Arbeitsgesinnung, die über alles
Trennende von Raum und Zeit hinweg unmittelbar anregend sein kann für unsere eigene Arbeit. Das vollendete technische Können und seine
unmittelbare Verbindung mit der ästhetischen Gestaltung, die sorgsame Durchbildung bis ins Kleinste, die Durchgeistigung der handwerklichen Aus-
führung bis ins Detail, das reine Materialgefühl und ähnliche Dinge sind es, auf die wir gerade im Rahmen der „Form" besonders hinweisen
möchten. Es ist dabei von besonderem Interesse, daß diese Baugesinnung nicht etwas Historisches, Vergangenes ist. Sie ist in Japan auch heute
noch lebendig und steht im Begriff, sich mit dem mächtigen Einfluß europäisch-amerikanischer Zivilisation und Baukunst auseinanderzusetzen. U.

Beim überfliegen der folgenden Bilder, die Bauten vom
12. Jahrhundert bis in die neueste Zeit zeigen, fällt
zunächst besonders das Fehlen der großen, in Europa als
typisch bekannten Tempelbauten auf. Gerade die vielen Ver-
öffentlichungen dieser Tempelbauten in Bau- und Kunst-
geschichten haben uns ein völlig schiefes Bild der Lage ge-
geben. Leider bekommt ja auch der Europäer in Japan vor
allem das zu sehen, was er sehen will und was er sich unter
japanischer Baukunst vorstellt. Dahin gehören vor allem auch
die geschmacklichen Verirrungen der Tempel in Nikko, die
zwar an Reichtum von Formen und Farben nichts zu wünschen
übrig lassen, aber mit dem wirklichen Japan nur wenig zu tun
haben. Wie die Bilder, so sollen auch die Ausführungen dieses
Aufsatzes sich beschränken auf die Betrachtung der Wohn-

kultur, weil diese der reinste Ausdruck japanisch-nationaler
Kultur ist und für uns die lebendigste Bedeutung hat.

Man hat Japan vielfach der Nachahmung chinesischer Kunst
bezichtigt. Auf den Monumentalbau mag das zutreffen. Den
chinesischen Tempelbau studiert man tatsächlich dank der her-
vorragenden Denkmalpflege zum Teil besser in Japan als in
China selbst. In seiner Wohnkultur dagegen ist Japan durchaus
frei von solchen Einflüssen. Wohnkultur umfaßl dabei zwei
Gebiete: das Wohnhaus und den Garten, die, wie wir auch aus
dem Bildmaterial ersehen, völlig untrennbar voneinander sind.

Wenn man Veröffentlichungen über japanische Wohn-
kultur unternimmt, so bilden den wichtigsten Anhaltspunkt für
das Studium japanischer Wohnkultur die baulichen An-
lagen, die der Pflege der Teezeremonie, jener eigenartigen

193
loading ...