Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Lauscha, eines der Glasbläserstädtchen im Thüringer Wald

Neues Thüringer Glas

WILHELM WAGENFELD, OBERWEIMAR/ THÜR.

In der Stadt Sonneberg in Thüringen wurde in diesem Jahr
eine Spielzeugschau eröffnet, in der neben dem Spielzeug der
Sonneberger Gegend auch Gläser aus den Hütten des Thü-
ringer Walds und Lampenarbeiten der Glasbläser von Lauscha,
Neuhaus - Igelshieb, Ernstthal am Rennsteig, Steinach und
anderen Orten dieser Industrie gezeigt wurden.

Die Glasbläserorte im Landkreis Sonneberg gehören seit
langem neben den Orten der Spielwarenindustrie mit zum
Notstandsgebiet von Thüringen. Es sind kleine Waldorte, zu
denen nur umständliche Kleinbahnen führen. Früher gingen
von diesen Orten die Glasbläserwaren in alle Welt.

Die Glasbläserarbeiten sind durchweg Erzeugnisse der Heim-
industrie. Männer, Frauen und Kinder sind daran beteiligt.
Meistens ist in der Wohnstube der Häuser zugleich die Werk-
statt: ein Arbeitstisch mit einigen Lampengebläsen, die an der
Gasleitung angeschlossen und mit Tretbälgen unter dem Tisch
verbunden sind, welche die für die Erhitzung der Gläser not-
wendige Luft in die Gasflamme drücken. Außerdem sind noch
die Vorrichtungen zum Verspiegeln, Ätzen und Färben im gleichen
Raum untergebracht. Einen besonderen Raum für die Werk-
stattarbeit findet man in den wenigsten Häusern. Viel eher
ist dann schon die scheinbar unentbehrlichere gute Stube
vorhanden.

Aus Glasrohren, die von den Hütten oder von Verlegern

geliefert werden, fertigen die Glasbläser von Lauscha, Ernstthal
und anderen Orten der Gegend ihren Christbaumschmuck, ihre
Blumen, Tiere, Perlen, Knöpfe, Parfümflaschen und Vasen. Auch
die Glasaugenmacher, die Menschenaugen, Tieraugen und
Puppenaugen aus farbigen durchsichtigen und undurchsichtigen
Gläsern herstellen, wohnen großenteils in Lauscha. Die An-
fertigung künstlicher Menschenaugen wird hier mit besonderem
Geschick betrieben.

Neuhaus-Igelshieb stellt keinen Christbaumschmuck her, son-
dern Ampullen, Geräte für Laboratorien und Gläser für
medizinische Zwecke. Aber auch Tiere, Figuren, Parfüm-
flaschen, Cocktailgläser und ähnliche Glasbläserarbeiten kom-
men aus diesen Orten, die seit einiger Zeit zu einer Stadt
verbunden sind. Die Ampullen werden jetzt schon großenteils
von Maschinen hergestellt, denen die Heimarbeit trotz der
niedrigsten und unwürdigsten Löhne unterliegen mußte.*) Der
Hausindustrielle muß ja für sein Entgelt sein Arbeitsmaterial
selbst kaufen, das Gas bezahlen und auch noch die Kosten
für die Kartonagen tragen. Stundenlöhne von 2 und 5 Pfg.
wurden mir öfter genannt als das Ergebnis solcher Aufträge.
Dabei sind nur wenige mit Aufträgen beschäftigt. Die meisten
arbeiten schon lange nicht mehr.

*) Durch neue Maßnahmen der Thüring. Regierung ist die
Maschinenarbeit jetzt beschränkt worden.

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