Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Diskussionsbeiträge:

Abwehr oder Aufbau?

EIN BEITRAG ZUM NEUEN R E K L A M E G E S E T Z

„Die Anwendung von Gewalt allein, ohne die Triebkraft einer geistigen
Grundvorstellung als Voraussetzung, kann niemals zur Vernichtung einer
Idee und deren Verbreitung führen." Adolf Hitler.

Jahrzehntelange Bestrebungen der Heimatschutzverbände
gingen dahin, die Auswüchse der Außenreklame zu be-
schneiden und die offene Landschaft von Reklame zu befreien.
Diese bürgerlich vornehme Gegenbewegung hat nicht zu ver-
hindern vermocht, daß die Reklame unter freiem Himmel wuchs
und wuchs . . .

Millionen Menschen sind unzufrieden mit der Art, wie die
Außenreklame sich breit macht.

Man ruft nach einem Abwehrqesetz, das die übermäßige
Verbreitung der Reklame hindern soll. Man will einschränken
und beschneiden. Man übersieht aber, daß einschränkende,
zaghafte Bestimmungen, zu denen die Schilderindustrien allen-
falls ihre „Zustimmung" geben, aus den inneren Gesetzen der
Reklame selbst zur Unwirksamkeit bestimmt sind. Reklame ist
Reklame. Finen Schreier kann man nicht mit einer Flüster-
stimme übertönen, sondern nur, indem man versucht, noch
lauter zu schreien.

Mit dem Beschneiden der Auswüchse der Reklame ist es
wie mit einem Baum: wenn man ihn beschneidet, wird er im
nächsten Jahre desto kräftiger oder er schlägt an einer anderen
Stelle aus. . . .

In den letzten Jahren hat man bereits eingesehen, daß die
wilden Reklameschößlinge uns über den Kopf wachsen und
daß man nicht beschneiden, sondern vielleicht absägen müßte.
Man wägt immer noch hin und her, und man versucht, niemand
wehe zu tun. Es herrscht noch ein heilloser Respekt vor dem
Geldbeutel.

Aber man muß weder beschneiden noch sägen, sondern
ausroden!

Es gibt also nur ein hartes: „Entweder — Oder".

Entweder verbietet das Gesetz Außenreklame — oder unsere
Enkel werden in Särgen beerdigt, die grausam mit Reklame
bemalt sind.

„Es genügt aber nicht, von der Minderwertigkeit eines
bestehenden Zustandes überzeugt zu sein", sondern man muß
„die Triebkraft einer geistigen Grundvorstellung, das innere
Erschauen eines neuen Zustandes" dem Minderwertigen ent-
gegensetzen.

Wir müssen nicht nur ausroden, sondern wir wollen etwas
Schöneres neu pflanzen!

Das neue Gesetz soll uns dazu helfen.

Ein neues Gesetz für Geschäftsankündigungen auf öffent-
lichen Straßen und in Ortschaften, in Stadt und Land, kurz:
ein Außenreklameqesetz muß von der Grundauffassung des
neuen Staates ausgehen. Die nationalsozialistische Welt-
anschauung, die zu den Problemen der hier in Frage kom-
menden Wirtschaft und Produktion einerseits und zum Schutz

W. M. KERSTING, BERLIN

des Volkstums andererseits einschneidend Stellung nimmt, er-
gibt ohne weiteres, daß Außen-Dauer-Reklame dem Staats-
gedanken einfach widerspricht.

Die Schilderpest wurde von Großfirmen und anonymen
Gesellschaften eingeführt. Das Anwachsen dieser Gesell-
schaften, die Unterstützung der Unverschämten und weiterhin
die Erziehung zum Verbrauch liegt nicht im Interesse der
Allgemeinheit. Der Lebensraum der Allgemeinheit kann nicht
Einzelnen zum Geschäftemachen überantwortet werden.

Die kleineren Geschäftsleute mußten, erdrückt von den
Reklameschildern der Großen, versuchen, auch mitzukommen,
und heute überbieten sich alle. Die vielen kleinen Firmen
verursachen zusammen wieder eine große Schilderpest.

Das Ergebnis ist vollständige Kulturvernichtung, deren Aus-
maß wir nicht übersehen, weil wir langsam dahingeraten sind.
(Vergl. „Noch stärkere Reklame?" Leonardopresse, Berlin-
Tempelhof, RM. 0,90.)

Die Außenreklame ist das Spiegelbild des Wirtschafts-
liberalismus. Der Sinn ist Umsatzsteigerung um jeden Preis.
Die Schönheit unseres Vaterlandes wird einem oft noch frag-
lichen Einzelgewinn geopfert.

Das Volk wird geradezu überfallen von den Wegelagerern
des Kaufmannsstandes. Die Behörde des Nachkriegsstaates
half diesen Wegelagerern und lieh ihnen ihre öffentlichen
Gebäude und Fahrzeuge gegen Beuteanteil.

Es ist selbstverständlich, daß die neue Weltanschauung
keinen Raum für derartige Methoden hat.

Deutschland gehört uns und unserer Jugend!

Wenn wir von der gesamten Außen-Dauer-Reklame befreit
sind, wenn von unseren Nerven diese ungeheure Belastung
genommen ist, sehen wir wieder die freie Landschaft, die
schöne Straße, das freundliche Dorf, die deutsche Kleinstadt,
und wir sehen, daß die Großstadt auch aus Häusern besteht!

Dann ist die Zeit gekommen für neue Kultur. Und da das
Geschäftsleben einmal nötig ist — für neue Geschäftskultur.
Ein großer Plan muß der überlebten Außenreklame mit ihrer
Flachheit entgegengesetzt werden. Alte Volkskunst beweist,
welche Kräfte im Volke schlummern. Diese Kulturkraft muß
geweckt werden, und die hohlköpfige, verblasene Reklame
wird schnell vergessen sein.

Eine Fülle von schöpferischer Arbeit muß geleistet werden.
Unsere ganzen Städte und Orte müssen von Grund auf von
häßlichen Schildern gesäubert und neu und kultiviert beschriftet
werden. Alle bisherigen Genehmigungen werden aufgehoben.
Die Aufgabe ist riesengroß und verantwortungsvoll. Aber sie
lohnt den Pinsatz, sie ist wert, als herrliche Lebensaufgabe
angesehen z',' werden.

Das Gesetz muß selbstverständlich Außenreklame verbieten,
aber es muß ganz besonders und grundsätzlich diesen Aufbau
wollen und einleiten. Dazu ist folgende Einstellung nötig:

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