Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Randbemerkungen zum Thema Formentstehung

W. DEXEL, MAGDEBURG

Wie entsteht Form? Sicherlich nicht nur dadurch, daß der
Hersteller eines Gegenstandes sein Material sorgsam und best-
möglich wählt, die nötigen Arbeitsvorgänge vollkommen be-
herrscht und den Zweck, den der Gegenstand erfüllen soll,
niemals aus dem Auge verliert. Das so entstehende Gerät ist
fraglos zweckmäßig und gut, wodurch aber wird es schön?
Wodurch erhält es die Form, die Linie, die Kontur, die Be-
geisterung erweckt, die Schönheit ist? Die landläufige Antwort
lautet: „ja, da tritt eben das Unfaßbare, das Geheimnisvolle
hinzu, das Kunst heißt", über Materialechtheit und Zweck-
mäßigkeit hinaus wird ein Ding schön durch die Hand des
Künstlers. Saubere tadellose Arbeit, pflegt man zu sagen, ist
lehrbar und lernbar, das aber, was wir Kunst nennen, entzieht
sich der übertragbarkeit, ist Folge einer angeborenen Fähigkeit,
einer ganz besonderen Begabung, ist jedenfalls nicht lernbar.

Ob das wohl ganz stimmt? Es ist nicht leicht für uns, wirk-
lichen Einblick in die ostasiatische Kunstauffassung zu erhalten,
aber soviel wissen wir doch, daß man dort die Kunst, Wort-
kunst wie bildende Kunst in all ihren Spielarten sehr wohl für
lehrbar hielt. Wir wissen, daß zahllose Regeln, Vorschriften,
Gesetze existierten, deren Kenntnis in rastloser, endloser Übung
und Arbeit erworben wurde. Diese Kunstübung nutzte die
Erfahrungen von Jahrtausenden. Man arbeitete mit Feinheiten
und subtilen Vorschriften, die uns nicht zugänglich und kaum

verständlich sind, deren Befolgung aber das erstaunliche Form-
niveau hervorbrachte, das dem Osten wirklich Gemeingut war.
Sehen wir ab von der sogenannten hohen Kunst, für die uns
eine Einengung in Regeln allgemeingültiger Art unverständlich
bleibt, so leuchtet doch für jede „angewandte Kunst", für
das Handwerk im weitesten Sinn die Lehrbarkeit ohne
weiteres ein.

Erkennt man, welch zentrale Bedeutung dem Rätsel der Form-
werdung zukommt, spürt man ihm unablässig nach, so findet
man immer mehr Möglichkeiten, an das Geheimnis zu rühren,
wie Form entsteht, wie höchste Qualität erzielt wird. Solche
Aufschlüsse liefert uns heute naturgemäß am leichtesten noch
die Vergangenheit. Ein Beispiel sei im folgenden gegeben.

Die Insel Bornholm hat seit Jahrhunderten eine hochent-
wickelte Töpferei, bedingt durch natürliche Gegebenheiten,
das reichliche Vorkommen eines besonders geeigneten Werk-
stoffes, der sehr festes und dauerhaftes Steinzeug und Tongerät
liefert. Diese Tatsache im Verein mit der insularen Lage, die
naturgemäß das Bewahren der Tradition erleichtert, hat es
mit sich gebracht, daß man heute noch Töpfereien hundert-
jährigen und mehrhundertjährigen Alters stellenweise im Ge-
brauch findet. Kenner des Landes und der Leute sind oder
waren vor kurzem noch imstande, in den Bauernhöfen oder
bei den Fischern sich solche alten Gefäße schenken zu lassen

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