Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Die Erwerbung der Sammlung ZVesselhoeft in Hamburg für die Runsthalle

Von allen Nützlichkeitsrücksichten abgesehen, erscheint es der
Verwaltung der Kunsthalle als eine Ehrensache und patriotische
Verpflichtung, daß sich der Hamburgische Staat den Besitz der
letzten älteren Hamburgischen Privatgallerie sichert. Zu einer Zeit,
da im übrigen Deutschland Privatleute umfangreiche Galerien
nicht erwerben konnten, haben Hamburger Bürger eifrig gesammelt.
Noch sind ihre Galerien von den Kunstgelehrten nicht vergessen,



Skizze zur „Prozession in Psssryrr". von w. Riefstahl

und einen Teil, wenn auch nur ein geringes Bruchstück, bewahrt
die Kunsthalle als redendes Zeugnis für das Kunstverständnis
unsrer Bürger. Allein durch das Vermächtnis des Herrn Johs.
Amsinck sind dem Institute 96 alte Bilder zugefallen; der Rest
der gegen 300 Gemälde kam in kleineren Posten aus den Ver-
mächtnissen Harzen, von Halle, Lappenberg, vr. Führer u. a.
Diesem Bestände an holländischen Bildern würde sich die Galerie
Wesselhoeft, welche ihrerseits die hervorragendsten Bestandteile
andrer älterer Hamburger Sammlungen aufgesogen hat, als
letztes bekrönendes Glied anreihen.

Es ist kein Zufall, daß alle älteren Hamburger Galerien
säst ausschließlich aus holländischen Bildern bestanden. Nur etwa
ein Dutzend unter den 300 der Kunsthalle aus Legaten zu-
gefallenen alten Bildern ist andern Ursprungs. Diese Vorliebe für
die holländische Kunst ergab sich bei der Hamburger Bevölkerung
von selbst aus der alten Kulturgemeinschast des Hamburgischen
Staates mit dem großen selbständig entwickelten niederdeutschen
Stamme der Holländer. Noch im vergangenen Jahrhundert ge-
hörte Hamburg mit seiner bildenden Kunst in die Kultursphäre
Hollands. Die Anlage der Häuser und öffentlichen Gebäude legt
in Fassade und Grundriß noch heute Zeugnis davon ab. Im
siebzehnten Jahrhundert waren die Beziehungen die innigsten.
Große holländische Künstler wie PH. Wouvermans, I. Voorhout,
und A. Waterloo hielten sich längere Zeit bei uns auf, und noch
heute bewahrt die Kunsthalle eine Reihe köstlicher Ansichten aus
dem alten Hamburg und seiner Umgebung von A. Waterloo.
PH. Wouvermans hat in Hamburg geradezu Schule gemacht,
M. Scheits und I. Weier werden als seine Schüler genannt.
Unser Hamburgisches Künstlerlexikon kennt eine große Anzahl
tüchtiger einheimischer Maler des siebzehnten und achtzehnten
Jahrhunderts. Aber weder in Hamburg noch im Auslande ist
man sich dieser künstlerischen Vergangenheit Hamburgs recht be-
wußt. Die besten Werke der alten Hamburger Künstler gelten
in den Katalogen als holländischen Ursprungs. — Im achtzehnten
Jahrhundert stehen unsre Maler, der berühmte Denner voran,
selbständiger da, bilden aber immer noch eine Fortsetzung der
niederländischen Kunstbewegung.

Wie ties die holländische Kunst bei uns Wurzel geschlagen
batte, beweisen noch heute die reichen Bauernhöfe der Marschen.
Trotz aller Nachstellungen durch den Kunsthandel sind nicht von
allen Dielen die geschnitzten holländischen Schränke und die Ge-
mälde holländischer Schule verschwunden und noch jetzt legt der
Marschbauer seinen Garten im alten holländischen Stil an.

Der Kunstbesitz der Hamburgischen Familien muß dem einer
holländischen Stadt nicht viel nachgegeben haben, denn noch bis
vor einigen Jahrzehnten war Hamburg der wichtigste deutsche
Kunstmarkt für holländische Bilder. Freilich ist dadurch allmählig
der ehemals unendlich reiche Hamburger Privatbesitz erschöpft.
In vielen großen Sammlungen finden sich Bilder, deren Pro-
venienz sich bis zu einer Hamburger Auktion verfolgen läßt, und
einige der schönsten Holländer der Berliner und Breslauer Galerie
sind erst vor wenigen Jahren aus Hamburger Sammlungen er-
worben. Bringt der Hamburgische Staat die Galerie Wesselhoeft
an sich, so bekundet er damit fein Interesse und sein Verständnis
für die eigene künstlerische Vergangenheit. Einer Sammlung
italienischer Bilder würde er wesentlich gleichgültiger gegenüber-
stehen dürfen.

Wenn somit schon die patriotische Verpflichtung gegen die
eigene Geschichte znm Erwerb der Sammlung drängt, ist sie vom
Standpunkte der Kunsthalle ein wirkliches Bedürfnis. Die Galerie
Wesselhoeft würde nicht etwa als einzelnes zusammenhangloses
Bruchstück eintreten, sondern mit einem Schlage der, wie erwähnt,
aus „vielen kleineren Vermächtnissen schon bestehenden, aber von
der Übermacht der modernen Galerie fast erdrückten Abteilung
der niederländischen Meister zur selbständigen Bedeutung und zu
ansehnlichem Range unter den deutschen Galerien verhelfen.

Wenn diese Gelegenheit, die Hamburgische Galerie nieder-
ländischer Meister ein für allemal aus ihrer nebensächlichen
Bedeutung herauszmeißen, unbenutzt gelassen wird, so ist
der Zeitpunkt voraussehen, wo diese Abteilung neben der stetig
wachsenden modernen Galerie als ein unwichtiges und deshalb
unbequemes Anhängsel erscheinen wird. Nicht besser könnte der
Hamburgische Staat die patriotische Gesinnung der Bürger ehren,
aus deren Vermächtnissen unsre holländische Galerie stammt, als
wenn er diese Grundlage durch die Erwerbung der Sammlung
Wesselhoeft ausbaute.

Eine Galerie alter Bilder, wie der Hamburgische Staat sie
nach der Einfügung der Sammlung Wesselhoeft erhalten würde,
noch dazu in Verbindung mit den Schätzen des Kupferstichkabinetts
bedeutet nach den Tendenzen, welche die Verwaltung der Kunst-
halle vertritt, mehr als einen toten Schatz, bedeutet ein frucht-
bringendes Kapital. Dieser holländische Kunstbesitz würde ein
wichtiges Erziehungsmittel für die Bevölkerung abgeben. Bisher
war es dem Hamburger, der auf Reisen ging, nicht möglich, sich
für den Genuß oder das Studium der großen Sammlungen in
der Heimat vorzubereiten. Unendlich viel Anregung und Genuß
ist unserer so regelmäßig reisenden Bevölkerung dadurch verloren
gegangen. Für diese Vorbereitung bedarf es keiner großen Galerie,
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