Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Gutachten von vr. A. Lichtwark

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Vlstudie. von lv. Rief stahl

eine kleinere gewählte Sammlung thut fast noch
bessere Dienste, weil sie intimer studiert werden
kann.

Diese Erziehung zunächst der wohlhabenden
Bevölkerung zur Fähigkeit Kunst zu verstehen und
zu genießen, erscheint der Verwaltung der Kunst-
Halle als eine Aufgabe von großer ökonomischer
Tragweite. Im Zvllanschluß wird Hamburg nach
dem Urteil aller Sachverständigen vor die Wahl
zu treten haben, ob es seine bedeutende Kunst-
industrie, die bisher fiir das Reich eine ausländische
war, selbständig entwickeln oder der Produktion
Berlins und Münchens ein reiches und höchst
willkommenes Absatzgebiet abgeben will.

Nun ist es durch die Ersahrung aller Zeiten
eine unzweifelbare Thatsache, daß die Entwickelung
der Industrie durchaus nicht in erster Linie von
der Bildung und Erziehung des Produzenten ab-
hängt, sondern von den Ansprüchen, die der
Konsument zu stellen vermag. Der deutsche Arbeiter
ist dem französischen gewachsen und hat seit dem
siebzehnten Jahrhundert in Paris eine Reihe der
hervorragendsten Kunsthandwerker geliefert, die in
der ganzen Welt als Franzosen gelten. Aber sein
Bestes hat seit jener Zeit der deutsche Handwerker
nur in der Berührung mit dem künstlerisch so hoch
entwickelten Geschmack der Pariser Konsumenten
geleistet. Die Hoffnungen, welche sich in England
und Deutschland an die Aufnahme der 1870 in
Paris ausgewiesenen deutschen Kunsthandwerker
knüpften, sind unerfüllt geblieben. Derselbe Hand-
werker, der in Paris Meisterwerke lieferte, sank in
Deutschland sehr bald auf das allgemeine Niveau
der Produktton herab. Die Ursache lag nicht in
ihm, sondern in seiner Umgebung, die keine An-
forderungen zu stellen, ja nicht einmal seine
Leistungen zu beurteilen vermochte.

Es gibt keinen andern deutschen Staat, in welchem die
Erziehung des Publikums so große Resultate verspricht wie in
Hamburg mit seiner in tiefe Schichten hinab wohlhabenden Be-
völkerung, die nicht ausschließlich Etagenhäuser bewohnt, sondern,
was für die Entwickelung der Kunstproduktion von großer Wichtig-
keit, den Trieb hat, sich im Einzelhause ein behagliches Heim zu
schaffen. Einen besseren Boden findet eine gediegene Industrie
weder in Berlin noch in München. Die Erziehung des Publi-
kums darf jedoch nicht ausschließlich an den Erzeugnissen des
Kunstgewerbes geschehen, wie sie das Museum für Kunst und
Gewerbe bietet. Es ist im Gegenteil auszugehen von der An-
schauung der hohen Kunst, damit der Geschmack nicht von vorn-
herein eine einseitige Richtung erhält. Wieviel für die erzieherischen
Tendenzen der Kunsthalle ein Zuwachs an Bildungsmaterial
ersten Ranges bedeutet, wie die Erwerbung der Sammlung
Wesselhoeft gewährt, liegt auf der Hand.

Welche äußere Annehmlichkeit und Lebensfreude vornehmer
Kunstbesitz einer Stadt wie Hamburg mit sich bringt, hat die
Bevölkerung seil dem Umbau der Kunsthalle und der Einfügung
der englischen Galerie zu beurteilen Gelegenheit gehabt.

Die meisten der bedeutenden Meister, wie Rembrandt, Ter-
burg, v. d. Meer, van Delft, v. d. Helft, v. d. Heyden und Both,
welche die Galerie Wesselhoeft aufweist, fehlen der Hamburger
Galerie. Es kommt hinzu, daß das Kupferstichkabiuett emen Schatz
an Handzeichnungen unv Radierungen holländischer Meister besitzt,
der erst durch eine Vervollständigung der Gemäldegalerie zu seiner
vollen Bedeutung und lebendigen Wirksamkeit als Anschauungs-
material für die Vorlesungen kommen kann.

Die rationelle Pflege des einzigen der höheren Kunst ge-
widmeten Instituts in Hamburg ist um so dringender geboten,
da die künstlerische Anregung in unsrer Vaterstadt im Übrigen
oft sehr gering ist. Unsere Nachbarstädte sind uns absolut oder
relativ voraus. Lübeck hat seine reichen Kirchen und sein Rat-
haus. In Schwerin hat das eben neugeschaffene Museum die
sehr schöne Galerie des Fürstenhauses ausgenommen, in Olden-
burg wird die wertvolle Gemäldegalerie umsichtig gepflegt; Magde-
burg trifft die Vorbereitung zum Bau eines Museums der
bildenden Künste. Vor allem aber hat' in der jüngsten Zeit
Hannover die größten Anstrengungen geinacht, seinen Kunstbesitz
zu ergänzen und abzurunden. Für die Sammlung des Welfen-

hauses ist ein neues Museum errichtet, ein andres wird für die
Kestnersche Sammlung gebaut und zur Erwerbung der Kule-
mannschen Sammlung hat die Stadt Mk. 300 000 aus eigenen
Mitteln beigesteuert. In den mittel- und westdeutschen Städten,
es sei nur an Frankfurt, Leipzig und Köln erinnert, ist man uns
in mancher Beziehung erheblich überlegen.

Hamburg kann nicht umhin, mit diesen Bestrebungen Schritt
zu Hallen, wenn es die zentrale Stellung, welche ihm als zweite
Stadt des Reichs gebührt, nicht einbllßen will. Bei dem neuen
Abschnitt der Entwickelung, welcher innrer Stadt bevorsteht, wird
die Entfaltung unserer Luxusindustrie nicht zum geringsten Teil
davon abhängen, wie weit die Stadt Hamburg die Käufer und
Liebhaber aus den umliegenden Provinzen »»ziehen und festhalten
kann. Bedeutende Sammlungen sind aber, wie die Erfahrung
lehrt, das sicherste Anziehungsmittel. Gerade in diesem Augen-
blicke, der eine ganz ernsthafte Durchbildung unserer Luxus-
industrie einleitet, ist die Erwerbung von bedeutendem Kunstbesitz
allein in Rücksicht auf vornehme Repräsentation eine Maßregel
großer Politik.

Mag auch der gegenwärtige Zeitpunkt für die Aufwendung
einer größeren Summe für Kunstzwecke an sich nicht besonders
geeignet sein, so sollte doch eine Gelegenheit nicht verpaßt werden,
welche nicht wieder kommen wird, und deren Nichtbenutzung von
Generationen beklagt werden würde.

Das Berliner Museum wurde gegründet, als Preußen
politisch und finanziell schwer darniederlag. Seine köstlichsten
Schätze wurden gerade in jener Zeit erworben. Millionen über
Millionen würden nicht ausreichen, heute nachzuholen, was damals
versäumt wäre. Und auch heute noch anerkennt der preußische
Staat seine politische Repräsentationspflicht durch die großartigsten
Aufwendungen für seine Museen. Für die Gallerte allein sind
in den letzten Jahren Millionen ausgegeben.

Daß die Erwerbung der Sammlung Wesselhoeft nicht mit
der allgemeinen Tendenz der Kunsthalle, nur moderne Bilder zu
sammeln, in Widerspruch steht, dürfte aus den obigen Darlegungen
ohne weiteres hervorgehen. Es handelt sich vom Standpunkte
der Kunsthallenverwaltung um die Abrundung einer durch Ge-
schenke und Vermächtnisse in bescheidenen Anfängen bereits be-
stehenden Abteilung, deren Schätze zugleich ein Denkmal alter
Hamburgischer Kultur bilden.
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