Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Die Angenblicksphotographie und

Die Seele des schaffenden Künstlers, der das Gesehene
zum Kunstwerk gestaltet, vermochte auch die beste
Photographie nicht zu ersetzen. Die Harmonie in der
Verteilung von Licht und Schatten, die Stimmung der
Luft, vor allem aber die Beseelung der darzustellenden
Persönlichkeit konnte auch die auf das höchste vervoll-
kommnete Photographie nicht erreichen. Indessen, wenn
auch die photographische Aufnahme keine vollendeten Kunst-
werke zu geben vermochte, so mußte doch die Treue in
der Wiedergabe der einzelnen Erscheinung für das Studium
des Künstlers von großem Nutzen sein. Die Studien-
skizze, deren Hauptwerk gerade in dieser Treue der Nach-
ahmung der wirklichen Natur beruht, konnte vielfach durch
die Photographie ersetzt werden. Das Sehen der Maler
erfuhr auf diese Weise eine auf keine andre Art zu er-
reichende Kontrolle. Die besonderen stilistischen Manieren,
in denen die einzelnen Künstlerschulen bisher die wirk-
liche Welt gezeichnet hatten, mußten von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt mehr verschwinden, bis die Kunst der Gegen-
wart zu jenem unbefangenen Anschluß an die Realität
der Erscheinung gelangte, welche das Wesen des heutigen
Realismus ausmacht. Die Entwickelung der Photographie
ist auf die in unsrem Jahrhundert gleichmäßig in allen
Ländern der zivilisierten Welt hervortretende Richtung der
Kunst des Realismus von folgenreichster Bedeutung ge-
wesen. So wurde die Photographie aus dem ehemals
vielgeschmähten Feinde der Maler der beste und treueste
Verbündete derselben.

Der wichtigste Schritt in dieser Entwickelung ist
zweifellos die Erfindung der Augenblicksphotographie.
Ottomar Anschütz in Lissa (Posen) hat dieses Gebiet
in einer Weise erweitert und ausgebildet, welche die weit-
gehendsten Wünsche der Maler zu befriedigen im stände
ist. Der kaum meßbare Bruchteil einer Sekunde genügt,
um auch die flüchtigste Bewegung scharf und klar im
Bilde festzuhalten. Die gekünstelten Stellungen, welche
den bisherigen Photographien ihr naturwidriges Ansehen
gaben, sind erst durch die Augenblicksphotographie be-
seitigt worden. Die Persönlichkeit während der unge-
zwungenen Bewegung, selbst der Reiter im vollen Trabe,
wird durch das Anschützsche Verfahren porträtwahr wieder-
gegeben. Mit eingehendem Verständnis für das, was
der Maler zu seinen Studien am meisten gebraucht, ver-
folgt Anschütz das Leben der Menschen und Tiere in den

Affen

Augenblicksphotograxhie von G. An schütz in Lissa

die Aünstler von Georg Voß

Skrimversrr

Augenblicksphotograxhie von V. An schütz in Lissa

mannigfachsten Äußerungen. Auf seiner Besitzung in Lissa
hat er einen eigenen Tierpark eingerichtet, wo außer den
gewöhnlichen Haustieren auch das jagdbare Wild, ja selbst
Raubtiere, die ihm der zoologische Garten in Breslau zur
Verfügung gestellt hat, in Käfigen und in freien Ein-
zäunungen gehalten werden. Seine Aufnahmen dieser
Tiere mitten in der natürlichen Bewegung, zuweilen im
wilden Turcheinanderspringen dargestellt, sind von außer-
ordentlichem Interesse. Dazu kommt, daß Anschütz mit
feinem künstlerischen Sinn mit Vorliebe solche Augenblicke
in der Bewegung der Tiere für seine Aufnahmen wählt,
in denen die Stellung des Tieres zugleich ein künstlerisches
Interesse gewährt und in jeder Linie klar zum Ausdruck
kommt. So sind z. B. seine Rehe und Hirsche, die er
im Tierpark des Fürsten Hatzfeld zu Trachenberg aus-
genommen hat, in einer überraschenden Schönheit der
Gruppierung dargestellt. Der Landschaftsmaler wird hier
reiche Ausbeute für seine Staffagen finden, doch auch der
Tiermaler wird hier mannigfach die Gelegenheit zur
Berichtigung seiner Anschauungen wahrnehmen können.

Die überraschendsten Ergebnisse haben die Aufnahmen
aus dem Leben der Störche geliefert. Anschütz hat ein
besonderes Atelier einem Storchneste gegenüber errichtet
und von dort aus das Leben der Tiere beobachtet: Die
beiden Alten einsam auf ihrem Neste stehend, die Heran-
wachsenden Jungen in den verschiedensten Abstufungen
ihrer Entwickelung, das Füttern der Jungen und die
wechselnden Stellungen, welche die Tiere beim Aufsteigen
und beim Niederlassen einnehmen. Diese achtzehn Blätter
aus dem Leben der Störche gehören zu den reizvollsten
Tierbildern überhaupt. Von großer Schönheit sind ferner
die Aufnahmen der Pferde, welche Anschütz in einigen
preußischen Gestüten gemacht hat. Die besten Tiere sind
ihm dort in den verschiedensten Gangarten vorgeführt
worden. Namentlich lehrreich sind die Aufnahmen, welche
die einzelnen Gangarten des Pferdes in 20 oder mehr
verschiedenen Augenblicken der Bewegung darstellen. Um
bei solchen Aufnahmen die einzelnen Momente der Be-
wegung mit absoluter wissenschaftlicher Treue wiederzu-
geben, werden etwa 25 durchaus gleich konstruierte Apparate
in einer Reihe aufgestellt, welche in dem Augenblick, wo
das Pferd vorüber schreitet, in Thätigkeit gesetzt werden,
doch so, daß die einzelnen Apparate in den denkbar
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