Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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von kserman kselferich

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Sonnenuntergang.

zuerst ins Licht gesetzt zu haben. Er veranlaßte ihn, im
Louvre auszustellen und das Resultat war die genannte
Auszeichnung, eine sofortige Reputation und die Restex-
wirkung bei den englischen Liebhabern. Delacroix selbst
aber, nachdem er Constables Werke gesehen hatte, malte
in schnellem Entschluß binnen vier Tagen sein Nassacrs
6s Lsio um und die Kritiker von Paris schrieben:
nehmt euch vor diesem englischen Maler in acht, er ver-
dirbt euch. Folglich war er ein großer Künstler.

Seine Wahl der Gegenstände macht neben seiner
Wucht, seine Größe fürnehmlich. Er hat den Geschmack
für die ganz einfache Natur; Äcker und Dörfer, Getreide,
Felder, sehr grüne Sachen und sehr leuchtende Wolken
stellt er dar. Bonington, ein bedeutend jüngerer Mann,
ist mit Constable gleichzeitig in Paris dekoriert worden
und hat auch thatsächlich — er war seinem Wohnsitz nach
fast ein französischer Maler, der Erziehung nach durchaus
ein kosmopolitischer und hat sich in England nur die
Mühe gegeben, geboren zu werden und sein leider so
kurzes Leben bei einer Konsultationsreise zu beschließen —
einen zum mindesten Constable gleichen Einfluß auf die
französische Kunst gehabt. Er ist aber Constable nicht
gleichzuachten. Er hat nicht das jähzornig Kräftige, die
»grancke noter Constables, nicht dessen Urvermögen, in
reisiger Frische, wild-enthusiastisch, ein Bild des Früh-
jahrs aufzustellen. Er besitzt hingegen eine größere Viel-
seitigkeit und hat trotz der wenigen Jahre, die ihm zum
Schaffen vergönnt waren, gleich zu Anfang sich auch in
Figuren versucht, später sehr reizende historische Genre-
bilder hervorgebracht, die sich heute noch gut ausnehmen.
Wahr ist er in seinen Landschaften und Seestücken, wenn
etwa Paul Veronese wahr genug ist.

von R. p. Bonington

In Bezug auf Feingefühl können dagegen die Bilder,
die er hinterlassen hat, vielleicht das Auserwählteste der
englischen Kunst genannt werden. Dieselbe hat selten
Neigung gezeigt, aus diesem Gebiete sich auszuzeichnen;
sie interessiert sich mehr für das Sachliche, was zur Folge
hat, daß auch wirklich, was wir auf dem Kontinent kolo-
ristische Feinheit nennen, bei ihr wenig zum Ausdruck
gekommen ist. Die Konsequenz hiervon läuft in zwei
Spitzen aus: sie haben keinen Virtuosen; das ist die
gute Folge und sie entwickeln zu wenig Reize im techni-
schen Teil der Kunst, welches wir als unvermeidliche
andere Folge mit hinnehmen müssen.

Turner, der hochgefeierte Zeitgenosse Constables —
ein Jahr früher geboren, 27 Jahre früher Hozml ^ca-
ckemician, und 14 Jahre länger am Leben — ist. wie
groß und auch wahr zum Teil seine Landschaften sein
mögen, nicht auf eine Stufe der Naturbeobachtung mit
Constable und selbst noch Bonington zu setzen. Die Wahr-
heit der Wirkung ist ja eine Sache, die nicht absolut
sicherzustellen ist, wir sehen nicht, was ist, sondern was
uns scheint, aber soviel kann gesagt werden, daß der
Wunsch und die Absicht, aufrichtig zu sein, während sie
Constables höchstes Gesetz ist, für Turner nur zuweilen
existiert; er wird von anderen Wünschen umhergetrieben,
ja gefoltert, aufgestachelt; er hat die Liebe zur einfachen,
lieblichen, anspruchslos anmutigen, jungfräulichen Natur
weit von sich geworfen, ihr gehört nur seine Jugend;
er liebt auch die pompöse, grausige, stürmische, herrliche,
gewaltige nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen des
Erfolges, den sie subjektiver Genialität an die Hand gibt.
Seine Hand schafft die Effekte nach, weil sie die Kunst,
Part 6e la peinture, die künstliche Kunst liebt und seine

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