Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Hermann Vogel-Plauen

Amors wilde Jagd, von Hermann Vogel

Es würde mich hier zu weit führen, wollte ich Ihnen
die Eindrücke schildern, welche ich als Student der Rechte
in der Unterklasse der Dresdener Akademie empfing.
Vielleicht erzähle ich Ihnen ein andermal mehr davon!
Jedenfalls hatte ich mir den Tempel der Kunst anders
gedacht! Ich zeichnete mechanisch meine Gipsköpfe, auch
diese nur mittelmäßig! Eigentlich Grund genug für einen

Dresdener Professor, den hoffnungslosen Schüler von
vornherein aufzugeben. Und doch glaube ich, wenn einer
der Herren mich als Privatschüler zu sich ins Atelier
gesetzt hätte, es wäre bei meiner weit vorgeschrittenen
zeichnerischen Fertigkeit doch vielleicht etwas aus mir
auch auf akademischem Wege zu machen gewesen. So
ward mir der schablonenhafte Lehrgang zum Ekel;
ich wollte komponieren und nicht erst kopieren! Die An-
schauung war eine grundfalsche, aber sie war da und
fand leider keinen Lehrer, der sie mit Hingebung in die
richtigen Bahnen geleitet hätte. Ludwig Richter, den ich
schwärmerisch verehrte, hatte das Jahr zuvor den akade-
mischen Dienst aufgegeben und ich habe infolge dessen
nie Gelegenheit gehabt, ihn persönlich kennen zu lernen.
Fleißig komponierte ich für die Konkurrenzabende des
akademischen Kompvfitionsvereins „Mappe", dem ich viel
Anregung verdanke. Aber auch diese Arbeiten waren,
als deni Lehrgang zu weit voranseilend, höheren Orts
nicht recht beliebt. Ich kann mich nicht entsinnen, daß einer
der Herren Akademieprofessorcn für die Bestrebungen des
rührigen Vereins je ein besonderes Interesse gezeigt hätte.

So ward ich nach halbjährigem Sitzen in der Unter-
klasse in den Gipssaal abgeschoben, zeichnete dort der
Statuen zwei oder drei und — blieb dann weg. Das
hatte seinen besondern Grund. Zur selben Zeit gab nur
der Leipziger Verlagsbuchhändler Otto Spanier durch
Vermittelung meines Freundes F. W. Heine, jetzt wohl-
bestallten Panoramamalcrs in Milwaukee, den mit Jubel
begrüßten Auftrag, die nordisch-germanischen Heldensagen
von W. Wägner mit circa 90 ganzseitigen und Haken-
stöcken auszustatten. Da saß ich nun, der schlechteste aller
Akademieschüler, und illustrierte in meinem Loschwitzer
Dachstübchen die Nibelungen und die Gudrun. Was aus
den, noch dazu oft in recht mittelmäßiger Weise ge-
schnittenen, ohne Studie oder gar Modell angefertigten Zeich-
nungen werden konnte, das sehen Sie an den beiliegenden
Holzschnittproben (siehe S. 279). Aber mein Verleger war
zufrieden, ich hatte eine künstlerische That hinter mir, ein
Auftrag kam nach dem andern, ich hatte trotz der mittel-
mäßigen Bezahlung ganz unakademisch viel Geld und
eine Menge Freunde und Verehrer! Zu was brauchte
ich die Akademie. Ich sagte ihr im Sommer 1875 ade,
nachdem ich sie schon monatelang gar nicht wiedergesehen.
Damit hatte mein akademisches Studium für immer ein
Ende! (Ich habe Ihnen einige Blätter beigelegt, akademische
Erinnerungen, Bruchteile eines Cyklus, der leider nicht ganz
fertig wurde.) — Nun ging cs so weiter, ein Auftrag
jagte den andern; die Spamersche illustrierte Weltgeschichte
und eine ganze Reihe von Jugendschriften,*) nahm meine
zweifelhaften Schöpfungen auf. — Ein Versuch, einen
Lehrer zu gewinnen, fällt doch in diese Zeit. Es war,
glaube ich, im Sommer 1876, als ich mit meiner
Mappe unter dem Arm .und dem Empfehlungsbrief
von I. V. von Scheffel in der Tasche vor A. von
Werners Hausthür in der Potsdamerstraße die Klingel
zog. Eine aus der Küche heraufdringende Frauen-
stimme teilte mir mit, daß der Herr Professor nicht
zu Hause sei; da lief ich mit meiner Mappe wieder
davon, eine Freude in mir, als sei ich einem schweren
Mißgeschick glücklich entronnen. Ich habe den von mir

*) Wir bringen davon auf Seite 273 u. 276 zwei Proben,
die den Musäusschen Volksmärchen (Verlag von K. F. Thiene-
mann in Stuttgart) entnommen sind. Die Red.
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