Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Kunstlitteratur und vervielfältigende Kunst

den bunten und schwarzen Dingen nicht genügt, der findet im
Text die reizvollsten, belehrendsten und doch wie ein Roman zu
lesenden Plaudereien; von Heft zu Heft steigert sich der Wert
der litterarischen Gaben: vom Vorwort aus der Feder S. Bings
an, durch alle einzelnen Abhandlungen (Geist der japanischen
Dekoration, Architektur, Goldschmiedekunst rc.), bis in Heft 6 die
anziehende Schilderung E. de Goncourts über seine Auffindung
eines Schnitzwerkes, das einen japanischen Nationalhelden zum
Meister hat, den vorläufigen Beschluß macht. — Indem wir,
nach Bings Mahnung, den Liebhaber wie den Künstler, den
Industriellen wie den Handwerker, ja, alle Gebildeten auf das
vortreffliche Werk aufmerksam machen, wünschen wir dem Unter-
nehmen besten Erfolg; Stoff genug ist ja, das weiß der Kundige,
für ein paar hundert Hefte vorhanden; und keine andre als die
vorliegende Form und Art der Publikation ist so geeignet, dem
erfrischenden Luftzug, den Japans Kunst uns bringen kann,
Eingang zu schaffen, keine andre lehrt besser, über das erste
Besremden hinweg zu kommen und das Meisterhafte auch im
ungewohnten Kleide hochachten zu lernen.

n. Die Vatikanische Ausstellung des Jahres
1888 — in der That ein großes ethnographisches, natur- und
kunsthistorijches Museum aus vier Weltteilen, fand seither, wie
Lejsing und Or. von Lützow beklagten, noch keine eingehende
ästhetisch-kritische Würdigung. Diese leistet nun Herr Heinrich
Swoboda mit einer insbesondere vom liturgischen Stand-
punkte ausgehenden Broschüre „Ein We ltbild unsrer kirch-
lichen Kunst" (Paderborn 1889, bei F. Schöningh. 48 S. 8°
mit 6 Kunstbeilagen. Preis 1.80 Mk.) in ebenso eingehender,
wie völlig objektiver Weise. Es ist dem Herrn Verfasser nur
um die Sache zu thun und deshalb bittet er in der Vorrede,
keine persönliche Verbitterung Platz greifen zu lassen. Nach seiner
Ansicht überragt Deutschland alles durch stilgerechte Zeichnung
und prächtige Ornamente; in Österreich hemmt eine große Zer-
fahrenheit und Zersplitterung das gleichmäßige Erstarken des
Guten und Schönen. Frankreich trat blendend genug und sehr
reich auf, aber mit einem unangenehmen Schwanken zwischen
derbem Realismus, unsolidem Theatereffekt und süßlicher Senti-
mentalität. Italien liebt zu sehr das glänzend Dekorative; die
alte Heimat der größten Künstler hat die eigentliche Führer-
schaft an den Norden abgetreten. Spanien leistet kolossales an
Geschmacklosigkeit; günstigeren Eindruck erregen die gesunden
Holländer, während der Ruhm der traurigsten Gestalt den
belgischen Kunst-Jndustrie-Rittern beschicken ist. Die Leistungen
der Schweiz sind zufriedenstellend; am wenigsten ist von Eng-
land die Rede. Dagegen war Amerika und Asien, insbesondere
Persien und Japan in lehrreichster und ganz originaler Technik
vertreten. Die Folgen einer solchen Weltausstellung sind bei
gründlichem Studium unausbleiblich und jedenfalls nur nütz-
lich und sruchtbringend für die weitere Entsaltung der deutschen
Kunst und des Kunstgewerkes.

6. Ko n st. Uhd e. Baudenkmäler in Spanien und Portu-
gal. Berlin, E. Wasmuth 1889. Auf 8 Lieserungen zu 20 Bl.
Lichtdruck berechnet; Preis einer Lief. 20 Mk. — Wie weit auch
die Architekturgeschichle vorgedrungen ist, — der iberischen Halb-
insel ist sie nie besonders geneigt gewesen, sofern sie sich nicht
mit den maurischen Denkmälern befaßte. Sind letztere auch in
diesem Werk schon in der ersten Lieferung mit einigen Beispielen
ganz vorzüglich vertreten, jo interessieren uns doch noch mehr
die eigentümlichen Verbindungen, welche der maurische Stil mit
dem gotischen und der Renaissance eingegangen hat. So sind
in dem Ratssaal des bischöflichen Palastes zu AlcalL de Henares
maurische und gotische Dekoratwnsmotive zu merkwürdiger Ein-
heit verschmolzen; ähnlich mischen sich gotische und Renaissance-
Elemente an der Kathedrale von Burgos zu einem reizvollen
Spiel, und an der Kathedrale zu Sevilla gesellen sich dazu die
Formen der Renaissance, ein seltsames Barok erzeugend. Aber
auch die Verbindung von maurischen und Renaissance-Elementen
kommt z. B. in einem Hof des Alcazar zu Sevilla vor, in welchem
gezackte Huseisenbogen von Renaissancegesimsen und Kapitellen
getragen sind. Die Renaissance Spaniens wird durch den Ge-
schmack des Südländers und durch die überkommenen orientali-
schen Motive meist zu einem heitern Formenspiel, das sich an
Häufung der Architekturmotive und des Ornaments nie genug
thun kann, wie aus dem Portal des Heilig-Kreuzspitals zu To-
ledo und der Universitätsfassade von Alcala de Henares hervor-
geht; im Gegensatz hierzu bildet der Haupteingang zum Palast
von San Telmo ein Beispiel reinsten spanischen Baroks. — All

Für die Redaktion verantwortlich: Fritz Schwartz —

dies ist vorzüglich geeignet, unsre Kenntnis der spanischen
Architektur zu vervollständigen; man darf darum mit Interesse
der Fortsetzung des Werkes entgegensehen.

tt. Düsseldorf. Der hiesige Kupferstecher Joseph
Hohlschein hat seinen großen Stich nach Murillos „Mariä
Empfängnis" (im Louvre zu Paris) jetzt nahezu vollendet und
bereits einen neuen Stich nach Correggios „Heilige Nacht" (in
der Dresdener Galerie) in Angriff genommen. Der Kupferstecher
Fritz Dingar Hierselbst wird voraussichtlich seinen großen Stich
nach Guido Renis „Aurora" (im Kasino des Palastes Rospi-
gliosi zu Rom) ebenfalls noch in diesem Jahre vollenden.

k. kt. Von dem geistvollen Radierer Bernhard Mann-
feld ist eben der Dom zu Aachen in einem großen Blatt vollendet
worden (Berlin, R. Milscher, Preis 100 Mk., Remarquedruck, 40 Mk.
vor der Schrift, 20 Mk. mit der Schrift), das durch die kühne Auf-
fassung des merkwürdigen, die Kunstgeschichte eines Jahrtausends
ln seinen verschiedenen Teilen darstellenden Bauwerks fesselt. Es
zeigt uns dasselbe an einem stürmischen Apriltag, nachdem eben
ein heftiger Strichregen einem kurzen Sonnenblick gewichen, so
daß der alte Kuppelbau Karls des Großen im hellsten Lichte
erstrahlt, während der gotische Chor vorne zum teil noch in fast
nächtliches Dunkel gehüllt ist. Das alles spiegelt sich aber nun mit
seinen Türmen und Zacken so höchst pikant im nassen Pflaster
wieder, daß die Bildwirkung mächtig dadurch erhöht wird. —
Dabei behandelt Mannfeld die architektonischen Formen mit voll-
endeter Freiheit und weiß den Totaleindruck eines solchen Ge-
bäudes mit all seiner Ehrwürdigkeit und Größe ebenso im-
ponierend als charakteristisch in allen Teilen wiederzngeben, so
daß man von dieser reizend malerischen Behandlung mächtig
gefesselt wird.

k. kt. So wenig man ein Mädchen kennt, so lange man
nicht ihr Schlafzimmer gesehen, so wenig versteht man einen
Künstler, ehe man ihn in seiner Werkstätte ausgesucht. „Münchener
Künstlerateliers" nennt sich nun eine eben erschienene Sammlung
von 60 vortrefflich photographierten solchen Werkstätten, in deren
Gestaltung sich das Talent wie der Geschmack ihrer Insassen so
deutlich als oft merkwürdig anziehend malt (München, bei Acker-
manns Nachfolger, Emil Franke, Photographie von C. Teufel,
Preis des Blattes in Foliosormat 2 Mk.). Was unsers Erachtens
diese Blätter aber erst hochinteressant macht, das ist, daß wir hier nicht
nur das Nest sondern auch den Vogel selber sehen, der es aus
oft in der halben Welt zusammengerafften Raritäten zusammen-
gebaut. — Wüßte man doch in der That nicht wie man die
Herren charakteristischer wiedergeben könnte, als sie sich bei dieser
Gelegenheit selber hingesetzt oder gestellt und durch die Weise,
wie sie das thun oft das schärfste Licht auf ihre Gemütsart
geworfen haben! Gerade als eine Sammlung unvergleichlich
individuell ausgeprägter Münchener Künstlerbildnisse möchten wir
daher die Sammlung der allgemeinsten Aufmerksamkeit empfehlen,
da die gelegentliche Selbstgefälligkeit wie die liebenswürdige Be-
scheidenheit der Betreffenden sich hier fast durchgängig als viel
pikanter und schöpferischer erwies als die meisten Porträtmaler.

k. kt. Von Wilhelm Jensen erscheint demnächst „Der
Schwarzwald" mit zahlreichen Illustrationen von W. Hase-
mann, Emil Lugo, Max Roman, W. Volz, K. Eyth
in 12—14 Lieferungen. Berlin, Reuther. Dian darf hier um
so eher etwas Vorzügliches hoffen, als sämtliche Mitarbeiter den
Schwarzwald, in oder an welchem sie seit Jahren wohnen, auss
genaueste kennen, so daß dieser Vereinigung bedeutender litte-
rarischer und künstlerischer Kräfte zu solchem Zweck der Erfolg kaum
ausbleiben kann. Es ist das um so mehr der Fall, als wenige
deutsche Landschaften sich so eigenartig in Land und Leuten ent-
wickelt haben und doch bisher noch so wenig ausgebeutet wurden,
es wäre denn von den Malern, die, Knaus und Vautier an der
Spitze, freilich hier die besten Richter sind, oder von Dichtern
wie Hebel und Scheffel und Auerbach, die aber alle nur einzelne
Teile schilderten, während uns hier ein Gesamtbild geboten werden
soll. — Wir werden denn auch nicht verfehlen, das Buch bei
seinem demnächstigen Erscheinen näher zu würdigen.

AedaLtionsschtuh iS. Mai — Ausgabe 8. Juni

Inhalt des achtzehnten Lcstes: tzert: Fr. Pecht. Hermann Vogel-
Plauen — ve. Hans Barth. Römerbricse — Otto Donner-von
Richter Bildcrcrwerbungcn des GoelhehanicS in Frankfurt a. M. —
Fr. Pecht. Unsere Bilder — E. Darlen. Mn neues AusstcllungSgcbäude in
Düsseldorf — Knnstnotizen-c. — Zrilderbeilageu: Hermann Vogel.
Madonna im Walde — Franz von Defregger, Zur G'sundheit — Ro-
bert Ruß, Gegend bei Meran — Gabriel Max, Bei der Wahrsagerin.

Druck der Bruckmann'schen Luchdruckerei in München
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