Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 49.1933-1934

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Wie die Plastik En heutiger Zeit stehen soll. Von Paul Wynand

Die Frage ist an sich einfach zu beantworten, "wenn
man sich darüber klar wird, was das heutige
Deutschland bedeutet. Die Einheit, die das ganze
Reich umfaßt, ist noch nie so lebendig gewesen wie
in unseren Tagen.

Maßstab ist alles in der Welt, in der Kunst und
ganz besonders in der Plastik. Zersplitterung ist
immer Mangel an Maßstab, an Maßgefühl.
Fast beschämend ist es für uns heute, die Baudenk-
mäler vergangener Zeiten zu betrachten, die pla-
stischen Zeugen urdeutschen Kunstempfindens, die
Dome, Bürgerhäuser und Brunnen des Mittelalters,
des Barock. Sie haben die Kraft, noch auf Genera-
tionen hinaus ihren Schatten weit über die Grenzen
des Landes zu werfen — die Kraft, die nur aus der
ehrfurchtsvollen Gebundenheit an die Heimaterde

geschafft werden konnte. Vertiefen wir uns heute in
die Wucht des romanischen Stils mit seinen gewal-
tigen Massen, in das heiße Erleben der frühen Gotik
dieser Dome des Rhein- und Frankenlandes, fühlen
wir uns in die Backsteinbauten der nordischen
Städte ein — überall begegnet uns der absolut
sichere Sinn für den Maßstab. Denn die Gebunden-
heit an die Heimaterde ist das Maßstabsgefühl des
künstlerischen Herzens. — Überall begegnet uns
bildhauerischer Schmuck, der den Bauten das Finale
gibt, wie die Rolande, Kapellen und Denkmäler den
Straßen und Plätzen. Der künstlerisch plastische
Reichtum dieser Städtebilder unserer Ahnen ist so
ungeheuer, daß unsere sogenannten Großstädte
nüchtern, arm und poesielos daneben wirken müs-
sen. Kein Wunder, denn wir haben das bürgerliche

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