Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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MEISTER H. W. G. (öM 1530) LANDSCHAFT. HOLZSCHNITT

DIE BEDEUTUNG DER DEUTSCHEN LANDSCHAFTSKUNST

VON

OTTO ZOFF

Wie um das Jahr 1493 Albrecht Dürer zum
erstenmal über die Alpen wandert, hält er
manchmal vor einem schönen Ausblick still, um ihn
in leichtem Aquarell zu skizzieren. Diese Skizzen
sind wohl,nur als Notizblätter gedacht, als Er-
innerungen, vielleicht nur als ein Zeitvertreib. Da
sehn wir eine Mühle am Gebirgsbach; eine schöne
Ansicht von Innsbruck; eine Landschaft in Süd-
tirol; endlich die grosse Ansicht von Trient.*
Blätter, welche für Dürer selbst nicht von allzu
grosser Bedeutsamkeit gewesen sein mögen. Der
Mitwelt mögen sie im allgemeinen gleichgültig
gewesen sein. Ihr Einfluss war im Umfang gering.
Aber im Gegensatz zu dieser geringen Ausdehnung,
erscheint uns heute dieser Einfluss als um so
tiefer.

Die Blätter geben einen Natureindruck wieder.
Albrecht Dürer kam über manchen Umweg durch
Süddeutschland von Nürnberg her, woselbst er

* Siehe Kunst und Künstler, Jahrg. XII, Seite 136—142.

Altartafeln und religiöse Holzschnitte geliefert
hatte. Also Werke, in denen er eine religiöse
Tendenz, eine Andacht, welche sich an den Him-
mel knüpft, gestaltet hatte. Werke, die aus dem
Herzen oder aus dem Geist kamen, jedenfalls aus
einer Absicht, die nicht im rein Malerischen ge-
legen war. Werke, für welche die Arbeit des
Auges nur eine Vorarbeit bedeutet, und welche
zuguterletzt doch der Phantasie, der Kompositions-
kraft, der Inspiration entspringen. Was er bisher
geschaffen, war Ausdruck seines Selbst, nicht Aus-
druck der allgemeinen Natur.

Nun sehn wir ihn aber 1493 in Innsbruck,
am Brenner, in Trient Studien nach der Natur
machen, welche nichts anderes sein wollen als
Wiedergabe von Geschautem. Blätter sind es,
welche mit sich selbst beendigt sind; welche nichts
anderes als eine eigene Vollendung bezwecken.
Und damit ist für die deutsche Kunst ein neuer,
von ihr noch nicht betretener Weg gewiesen.

Mi
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