Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 22.1887

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Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie.

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^allen Dirnen und jener verwitterten Alten vor, wie
^ uns seit langem und nicht zum mindesten durch
^auffmanns glückliche Hand lieb und vertraut ge-
^orden sind. Peter Anzinger hat die zwanzig Dar-

stell

ungen mit gefälligen Gedichtchen in bayerifcher
Älnndart begleitet.

^lusftellung in der Berliner Nationalgalerie.

Die dreiundzwanzigste der Sonderausstellungen,
^elchx die Direktion der königlichen Nationalgalerie in
^orlin dem Gedächtnis verstorbener Künstler widmet,
^lchästigt sich mit Karl von Pilvty, Karl Spitz-
^og nnd Friedrich Voltz, drei Meistern, welche in
^uhresfrist aus dem Kreise der Münchener Schule ge-
!chieden sind. Durch ihren Tvd hat die Kunstgeschichte
neueren Zeit keinen allzuherben Verlust erlitten.
Lebenswerk war beendet, als sie die Augen
^chlvssen; sie würden auch bei längerem Leben kein
^oheres Ziel erreicht haben, als sich in der Gesamt-
heit Schöpfungen darbietet. Die retrospektiven
^usstellungcn der Nationalgalerie hatten uns bisher
'Uiiiier eine Überraschung gewährt, wcil sie aus dem
^tudienfonds der verstorbenen Künstler unbekannte
^chätze hoben, welche sehr ost au Wert die ausge-
tuhrten Arbeiten übertrafen. Je mehr sich aber das
tokrvlogivn der Nationalgalerie der Epoche der spe-
^tÜch modernen Malerei nähert, desto seltener werden
^ Enthüllungen aus dem Studiengange der einzelnen
Eiinstler. Das Malerische schließt das Zeichnerische
susofern aus, als das letztere nur noch als Elementar-
sür das erstere dient. Die Zeit ist vorüber, wo
^"e Zeichnung als die unumgänglich notwendige Vor-
fur das Gemälde galt, und es ist heutzutage kaum
''och verständlich, daß die Meister, welche im Aufang
O'escs oder am Ende deS vorigeu Jahrhunderts ge-
u^n wurden, es als selbstverständlich betrachteten,
^suen Karton zu zeichnen, bevor sie an die Ausführung
^ries Ölgemäldes gingen.

llberdies hat uns das moderne Ausstellungswesen
Uud vxr löbliche Sammeleiscr der Galerievorstände
H'ck den Hauptwerken ueuerer Meister so vertraut ge-
U'ucht, daß ein Überblick über das Schaffen der Ver-
^vrbencn nur dann einen Wcrt haben kann, weun es
,^u Veranstaltern der Ausstelluiig gelingt, eine mög-
st^lst vollständige Übersicht zu insceniren. Das ist der
stcktion der Berliner Nationalgalerie bei Piloty leider
"'cht gelungcn, weil die Mehrzahl seiner Gemälde
^kgen ihres großcn Umsanges nicht transportfähig sind.

"u «n Hauptbild, „Seni vor Wallensteins Leiche", ist
^ der Nenen Pinakothek nach Berlin geschafft worden.
^U)u kommt noch ein Geniälde geringeren Wertes:
"^ie Äbtissiu des Klosters Frauenchiemsee schützt die

Kirche vor feindlichen Kriegern" (1868, Museum zu
Königsberg), ein Bild aus der früheren, von Riedel
beeinflußten Zeit „Schlafende Nymphe von Gnomen
belauscht", ein Waldbild mit Sonnenbeleuchtung, die
„Sterbende Wöchnerin" von 1849, eine kleinere
Wiederholung des Bildes „Unter der Areua" (1882)
und der „Tod Alepanders des Großen", das letzte
große Historienbild, welches die Nationalgalerie er-
wvrbcn hat. Andere Gemälde, wie „Die Amme", der
„Zug Wallensteins nach Eger", die „Stiftung der
katholischen Liga", „Kolumbus" und „Thusnelda im
Triumphzug des Germanikus" sind in Olskizzen ver-
treten. Ein so spezisisch malerisch veranlagtes Talent
wie Piloty ließ sich nicht lange auf Vorbereitungen
ein. Wie man aus einigen ausgestellten Zeichnungen
ersieht, begnügte er sich damit, die Umrisse einer Kom-
positivn in flüchtigen Bleistiftstrichen festzustellen und
dann in einer Ölskizze die Farbenwerte zu verteilen
und die koloristischen Massen ins Gleichgewicht zu
bringen. Dann ging er an die Ausführung im Großen,
wobei er nur noch für einzelne Gewandteile und fllr
die Köpfe Studien machtc, cbensalls in Öl und mit
sorgfältiger Durchführung. Jn diesen Kopfstudien liegt
das Hauptinteresse der Piloty-Ausstellung. Es sind ihrer
ein Dutzend, darunter Studienköpfe zum Nero, zur
Thusnelda und zur Roxane, durchweg mit plastischer
Energie und mit prächtiger koloristischer Breite durch-
gesührt, so ausdrucksvoll und lebendig, daß man es
sich vor den vollendeten Gemälden kaum erklären kann,
weshalb so viel vou der Feinheit und Tiefe des Ausdrucks
verloren gegangen ist. Ein Maler vhne Seele und
Empfindung war Piloty jedenfalls nicht. Es scheint
wirklich, daß ihn sein starres koloristisches Prinzip dazu
verleitet hat, manchen Schatz seines reicheu Könnens
unausgebeutet zu lassen.

Auch in Bezug auf Friedrich Boltz liefert uns die
Ausstellung, die etwa hundertundfllnszig Ölgemälde,
Ölskizzen und Studien, sowie etwa fllnfzig Bleistift-
zeichnungen nach Tieren und Landschaftspartien ent-
hält, keine wesentlich neuen Aufschlüsse. Da ihn zu
jener Zeit, als er die Akademie in Mllnchen besuchte
(1834 1835), das dort herrschende Systcm, in wclchem
die „Gattungs- und Landschaftsmalerei" eine ver-
achtete Stellung einnahm, nichts bicten konnte, hielt
er sich, wie die übrigen Anhänger der realistischen
Malerei des alten München, an die niederländischen
Landschaften und Genrebilder der Pinakothek und an die
Narur. Bis zum Beginu dcr vierziger Jahre entnahm
er seine Motive vorzugsweise den bayerischen Alpen,
bis die llfer und die llmgebung des Starnberger Sees
die Heimat seiner Kunst wurden, die er nicht mehr
verlasien hat. Auf die Entwickelung seiner koloristischen
Begabung sind später noch Piloty, Mvrgenstern, Spitz-
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