Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 104
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwanderer1922_1923/0124
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
Stveiflicbtev aus dem Kunßbandet tn dev Scbtüets

ÜOft

p. Stötu s Bümd)-

|ie Versteigerung der Sammlung Chillingwörth hat
die Blicke vieler deutscher Kunsthändler nach der
Schweiz gelenkt und mancher wird sich gefragt haben,
wie steht es zur Zeit mit dem Kunsthandel in der
Schweiz?

Wie alle neutralen Länder leidet die Schweiz
immer noch unter den wirtschaftlichen Folg'en des
Krieges. Riesenvermögen sind in den letzten Jahren
zusammengebrochen. Die Betroffenen, Industrielle der
verschiedensten Branchen, Bankiers, Großkapitalisten,
auch einfache Philister, die ein paar Wertpapiere und
fremde Valuten mit ihren Ersparnissen erwerben konn-
ten, sind als Käufer im Kunsthandel ausgeschieden. Im
Gegenteil, entbehrliche Wertobjekte werden von ihnen
auf den Markt gebracht oder wandern in die Depots
der Banken als Deckung für aufgenommene Gelder.
Gerade in diesen Gesellschaftschichten gibt es viele,
namentlich Industrielle und solche, die ein altes ererb-
tes Vermögen besitzen, die früher ab und zu Kunst-
objekte kauften und bereits durch Erfahrung und Fami-
lien-Tradition sich zum angehenden Sammler herange-
bildet hatten. Aber bevor die jetzige Wirtschaftskrise
endgültig iiberwunden ist, sind diese Kreise fiir den
Kunsthandel als Käufer verloren.

Eine neue Klasse, die zu sammeln beginnt und mit
dem nötigen Verständnis ausgerüstet wäre, gibt es
nicht. Der während des Krieges entstandene neue
Reichtum, der eine kurze Zeit lang die kauflustigsten
Interessenten stellte, ist teils zusammengebrochen, teils
aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt wegen be-
hördlicher Maßnahmen unter sozialistischem Drucke ins
Ausland abgewandert. Zürich allein hat seit dem
Kriege ca. 20 000 Einwohner verloren, darunter sehr
viele kapitalkräftige Ausländer.

Neben den Industriellen und Großkapitalisten, die
wohl in reduziertem Maßstabe immer noch die wichtig-
sten Sammler stellen, zeigen immer mehr die intellektu-
ellen Berufe steigendes Interesse, vor allem die Ärzte
und Juristen, während die Lehrerschaft bis hinauf zu
den Hochschullehrern, wohl in Kollegs über Kunstge-
schichte, Führungen usw. am besten vertreten ist, aber
weniger im lebendigen Kunsthandel, wo oft ganz be-
deutende Objekte zu sehen wären.

Den besten Geschmack unter den Sammlern ent-
wickeln natürlich diejenigen, welche im Auslande die
Galerien und Kunsthandlungen öfters zu sehen Gelegen-
heit haben. Wer nur auf die Kunstschätze der
Schweizerischen Museen angewiesen ist, hat sehr
schwer, sichere, übersichtliche Kenntnisse und einen
geläuterten Geschmack sich anzueignen. Unsere Mu-
seen sind zu unvollständig, um historisch genügende
Aufschlüsse geben zu können und infolge Material-
mangels zu wenig scharf in der Sichtung der ausge-
stellten Objekte. In unseren Schweiz. Kunstsammlun-
gen gibt es neben ganz Gutem, ich rede nur von alter
Kunst, manchmal Minderwertiges zu sehen, für das ein
Kunsthändler keine Fr. 200.— anlegen würde. Es
kann aber nieniand ein Vorwurf deswegen gemacht
werden.

Die Bestände an alter Kunst sind teilweise noch so
jung und gering an Quantität, daß unbedeutende Ob-
jekte aus lokalen Gründen oder weil sie als „Leihgabe“
ins Museum kamen einen Platz an der Wand gefunden
haben. Es gibt „Leihgaben“, die besser im Lagerhaus
einer Speditionsfirma untergebracht würden als im
Tempel der Kunst, wo breite Volksschichten ihre An-
sichten über Kunst sich heranbilden.

Die meisten Kunstsammlungen in der Schweiz sind
noch jung, in ilirer Wirkung auf das Volk stehen wir
vielerorts erst in den Anfängen. Der gegenseitige Kon-
takt zwischen den Museen und dem Kunsthandel ist
noch sehr mangelhaft. Wenn man daran denkt, wie in
Berlin und München die öffentlichen Sammlungen und
ihre Leiter befruchtend auf den Kunsthandel wirkten,
so ermißt man erst, was bei uns noch geleistet werden
könnte, natürlich im Rahmen unserer kleinen Verhält-
nisse.

Immerhin trotz Wirtschaftskrise, Interesselosig-
keit breiter Schichten, unvollkommener Bildungsmög-
lichkeit in unsern öffentlichen Sammlungen, mangeln-
dem Kontakt mit den Museen, trotz alledem können wir
bei der jungen Generation ein vermehrtes Interesse an
der bildenden Kunst feststellen. Aus ihr werden die
künftigen Sammler hervorgehen, und Aufgabe eines ge-
wissenhaften Kunsthandels wird es sein, diese Anfänge
gut zu beraten und zu entwickeln.

Üecband dcü Kunßbändlct? det? Scbweiz,

Wie man uns aus Zürich berichtet, haben sich die ersten
Kunsthändler der Schweiz zum Schutze der gemeinsamen Inter-
essen zu einem Verbande zusammengetan. Zweck und Ziel des
Verbandes ist es, die gemeinsamen I n t e r e s s e n mit
Nachdruck bei den Behörden und in der weiten Öffentlichkeit
vertreten zu können, Auswüchsen und unreellem Geschäfts-

gebaren entgegenzutreten, ferner die Pflege des
Sammelwesens alter und neuer Kunst zu fördern. Präsident
des Verbandes ist G. Tanner, der Direktor der Galerie Bern-
heim jeune & Co. in Zürich, Aktuar des Verbandes ist Dr. F.
Störi („Alte Kunst“ in Zürich). Man darf die Ziele, die sich der
Verband der Kunsthändler der Schweiz setzt, freudig begriißen.

104
loading ...