Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 149
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s t c• i n s c lin i 11::|) zugewendet. Von den Stein-
schneidern werden als die wichtigsten genannt: der
Hofsteinschneider Carl H e n s e 1 (1789—1864) mit
seinen beiden Söhnen Robert (1822—90) und Gustav
(1825—1909) und Enkeln Richard (1857—89) und Paul
(1859—1906), die besonders große Staatswappcn schnit-
ten; Christian Ehrenfried P a u s e r (1793—1862), der
von seinem Sohne Hermann (1830—99) noch übertrof-
fen wurde; Karl Sigismund Gotthelf Müller, geb.
1796, der auch das große preußische Staatswappen
(1829) schnitt, 1860 nach Nordamerika auswanderte und
dort verschollen ist; Oswald Fiebig aus Jauer,
1826—1912, seit 1853 in Warmbrunn; daneben noch als
geringere Kräfte: Carl Wilhelm Gottlieb Rücker
(1810—91) und Friedrich Siegmund Gottfried Luis John
(1823—1901). — Daß der schlesische Wappenstein-
schnitt bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts sehr

d e r G1 a s s c h n i 11 a r b e i t m i t j e n e r d e s
Steinschnittes, was sicli eincrseits in dcr liebe-
vollsten Ausführung auch des kleinsten Details bis zur
fast mikroskopisch gesteigerten Übertreibung, ander-
seits auch oft im Maßstab der Figürchen äußert, die man
am liebsten in kleine Medaillons einzuspannen trachtet.
Charakteristisch hierfür ist z. B. das der Sammlung
E. Conrath in Reichenberg angehörende Diogenes-Glas
(Abb. 31), das nach den Freiheits-Kriegen die Sehn-
sucht nach der guten alten Zeit ähnlich, und doch klassi-
zistisch umredigiert, zum Ausdrucke bringt, wie dies
seine Vorgänger nach denr siebenjährigen Kriege getan
haben. Nocli deutlicher merkt man dies bei den später
zu behandelnden Kuglergraveur-Arbeiten, z. B. bei dem
Becher des Meisters I. B„ mit denen ein kreisrundes,
fein geschnittenes Glasplättchen im Riesengebirgs-
museum (Abb. 32) eine große Verwandtschaft zeigt;

Abb. 32

Abb. 31

Abb. 33

hoch entwickelt war, beweist schon die Tatsache, daß
Goethe, ein so vorzüglicher Kenner geschnittener
Steine, 1790 den Vorschlag machte, den Weimarer
Graveur Facius nach Warmbrunn zur weiteren Aus-
bildung zu senden.

Wenn man die besten schlesischen Empire- und
Biedermeiergläser — also abgesehen von den bereits
erwähnten, nur handwerksmäßig in Massen hergestell-
ten Panoramengläsern für Warmbrunn oder andere
schlesische Badeorte — näher betrachtet, so findet man
vielfach zum Unterschied von den gleichzeitigen böh-
mischen Gläsern eine gewisse Verwandtschaft

31) Der Juwelier Bergmann in Warmbrunn, dessen 1803
gegründetes Geschäft sich durch drei Generationen bis 1909 er-
hielt, war der Hauptvermittler für die geschnittenen Siegelsteine,
deren Siegellack-Abdriicke, nach Jahren geordnet, sich gegen-
wärtig im Museum von Hirschberg befinden. Unter den
24 868 Steinen, die diese Firma 1803—90 'schneiden ließ, bilden
die Wappensteine mit 20 550 Stiick weitaus den Hauptteil (Hugo
Seydel in „Schlesiens Vorzeit“ VII. 1919 S. 259).

es stammt aus der Pohlfamilie und wird der Tradition
nach — nach der freundlichen Mitteilung von Geheimrat
Dr. Seydel — auf den Verwalter Johann Pohl von Har-
rachsdorf zurückgeführt; ob wir aber diesem, der als
Glasschneider nicht bekannt ist, eine so vorzügliche
Arbeit zumuten dürfen, erscheint sehr fraglich.

Die farblosen Gläser mit eingeschnittenen Tieren,
die der vielgewandte Moritz F i n s c h in Warmbrunn
bei der Berliner Gewerbeausstellung von 1844 32) vor-
führte, lassen sich heute nicht mehr feststellen. Dagegen
haben wir vom tüchtigen Glasschneider Ernst S i -
m o n 33) geb. 3. April 1817, gestorb. 2. März. 1894) in
Warmbrunn noch einige melir oder weniger gut be-

S2) Amtlicher Bericht II. 2. S. 72.

33) Zu unterscheiden von dem etwas älteren belgischen Edel-
steinschneider Henry Simon, der seit 1803 in Paris tätig ist
und nicht nur Napoleon, sondern auch die Bourbonen und zahl-
reiche andere Fürstlichkeiten und Beriihmtheiten seiner Zeit, aber
auch Mythologisches vertieft und erhaben schneidct.

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