Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 215
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Herausgeber:

Adolph Donath

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I nd da soll einer noch sagen, daß der Idealismus bei
uns ausgestorben ist! Während alle Welt or-
giastische Tänze ums goldene Kalb ausführt, und
nüchterner egoistischer Geschäftsgeist bereits die Seele
der Jugend angefressen hat, tut sich eine Anzahl unse-
rer ersten Künstler zusammen, um vollständig selbstlos
das Deutsche Museum für Buch und Schrift in Leipzig
zu retten, um damit unserem Volk eine Anstalt zu er-
lialten, die als der Mittelpunkt für sämtliche graphischen
Bestrebungen in der ganzen Welt das größte Ansehen
genießt.

Der furchtbare Weltkrieg und seine Nachwirkun-
gen, haben allen Anstalten, die der Kunst und Wissen-
schaft dienen, die empfindlichsten Einbußen gebracht
und dadurch die deutsche Kultur, unser höchstes Besitz-
tum, auf das wir so stolz sein durften, bis ins Mark ge-
troffen. Namentlich alle Anstalten, die nicht ausschließ-
lich staatlich sind, können die durch die rapide Geld-
entwertung ins Schleierhafte gesteigerten Verwaltungs-
kosten nicht mehr aufbringen, so daß ihr Ende in greif-
bare Nähe gerückt ist. Zu diesen Instituten zählt in
erster Reihe das Deutsche Museum für Bucli und
Schrift, das aus dem ehemaligen Buchgewerbemuseum
hervorgegangen ist, und dem noch 1914 durch die um-
fangreiche Überweisung wertvollen Materials der In-
ternationalen „Bugra“ eine glänzende Blüte beschieden
zu sein schien, und die nun den jähen Sturz besonders
stark empfand. Schon machte man sicli mit der furcht-
baren Notauskunft vertraut, das we'rtvollste Besitztum
des genannten Museums, die 42 zeilige Pergamentbibel
Gutenbergs ins Ausland zu verkaufen, da alle sonstigen
Beihilfen von Seite der öffentlichen Körperschaften, wie

auch der industriellen Kreise nicht mehr hinreichten.
Da stellten sich 20 deutsche Kiinstler in die Bresche und
bewiesen, daß zum Glück der deutsche Idealismus noch
nicht ausgestorben ist. Um Gutenbergs Bibel nicht
nach dern Auslande verschachern zu müssen, schuf
jeder von ihnen eine Originalradierung oder eine Ori-
ginallithographie nur für diesen Zweck, zog sie eigen-
händig in einer beschränkten Zahl von Exemplaren ab
und schliff dann die Platte oder den Stein ab, um biblio-
phile Seltenheiten entstehen zu lassen, die nun in einer
vornehmen Foliokünstlermappe vereinigt vorliegen,
für die auch das Papier, wie die Druck- und Buchbin-
derarbeiten von bekannten Leipziger Großfirmen ohne
irgend eine Vergütung beigesteuert wurden. — Der
Erlös der kostbaren Mappe lrat den beabsichtigten
Zweck erreicht: die Bibel bleibt für das deutsche Buch-
museum und damit dem deutschen Volke erhalten.

Die Öffentlichkeit hat allen Grund, den beteiligten
Künstlern fiir dieses, auf dem Altar des Vaterlandes
dargebrachte Opfer herzlich dankbar zu sein. Was die
Mappe enthält, bildet einen sehr charakteristischen
Querschnitt durch die vielfältigen Bestrebungen und
Richtungen, die derzeit bei uns herrschen, und ein jeder
wird je nach seinem Geschmack gewiß das darin finden,
was ihm besonders zusagt. Ob sich viele gerade ftir
die Blätter „Die Hexe mit dem Kamm“ von Paul Klee,
dem ein merkwürdig zahmer Kokoschka gegenüber-
steht, gerade werden begeistern können, das bleibe
hier unerörtert. Aber ein so köstliches Blatt, wie das
Selbstporträt von Käthe Kollwitz, das den furchtbaren
Ernst der Zeit und ihre Kunst so schlicht und eindrucks-
voll wiedergibt, oder aber der kühn und sicher hinge-
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