Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 448
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ganze Malergeneration, wie der Frauenkörper behandelt
werden rnuß, und seine Stilleben sind in ihrer unnach-
ahmbaren Herrlichkeit wohl rnit das Schönste, was die
Kunst aller Jahrhunderte hervorgebracht hat. Hs ist
da, wie auch in seinen biblischen und historischen
Werken ein etwas, wo ich mit meinem Verstande,
meinem energischen Wollen nicht mehr weiterkommen
kann. Hier fängt das Genie an zu sprechen. Alles
rnenschliche Bemühen, diese Äußerungen einer andern
Welt zu ergründen, ist nutzlos und wir miissen nur

dankbar sein, daß uns das Schicksal in so jammervoller
Zeit einen Heros wie Corinth geschenkt hat.

Einst wird kommen der Tag, da die Menschheit,
wenn alles niedergesunken und verwiistet sein wird,
wieder zuriickkehren wird zu der göttlichen, reinen und
ewig befreienden Kunst. Corinth ist einer von den
wenigen, die dazu geholfen haben, daß dieser Weg
Deutschland nicht immer verschlossen bleibt. Möge er
diese Befreiung noch selbst erleben!

Lovis Corinih, Tiger-Studien (Zeichnung) 1917.

Atis dern in diesen Tagen im Verlag Ernst Arnold, Dresden, erscheinenden Corinth-Werke (Zeichnungen)

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in der modernen Abteilung der Nationalgalerie in
1 Berlin, dem ehemaligen Kronprinzenpalais Unter den
Linden ist jetzt das Lebenswerk von Lovis C o r i n t h
ausgestellt. Das „Lebenswerk“ ist eigentlich nicht das
richtige Wort. Denn so eine impulsive Persönlichkeit
wie Corinth schafft trotz manchen physischeti Be-
scHwerden rastlos immer weiter und wir hoffen, daß uns
der Meister, der am 21. Juli 65 Jahre alt wird, in fünf,
zehn, zwanzig Jahren usw neue künstlerische Über-
raschungen darbieten werde. Aber schon diese um-
fassende Ausstellung, für die unsere Kunstwelt Ludwig
J u s t i und seinem Mitarbeiter Ludwig Thormae-

1 e n zu Dank verpflichtet ist, zeigt wie keine der vor-
ausgegangenen Corinth-Veranstaltungen die unver-
gängliche Größe des Malertemperaments Lovis Corinth.
Man kann jedoch seine Persönlichkeit nicht eindring-
licher charakterisieren, als dies Lesser U r y itn vor-
liegenden Hefte des „Kunstwanderers“ tut. Es scheint
uns besonders erfreulich, daß ein Meister vom Range
Urys, dem die moderne deutsche Malerei weit tnehr
verdankt, als von den unterschiedlichen Kunstcliquen
jahrzehntelang zugegeben wurde, sich tiber das künst-
lerische Wesen seines Kollegen Corinth in so unbeein-
flußt ehrlicher Weise ausspricht. Nur ein von allen

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