Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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M. I. Ginsburg, S. A. Lissagor und K. N. Afanasew. Wohnhaus in Rostokino

nordamerikanischen Bauten dieser Art, die heute schon deut-
lich zwei Gruppen aufweisen.

Die erste Gruppe umfaßt jene Bauten, in der viele kleine,
zweigeschossige Wohnungen zu einem großen Miethause zu-
sammengeschlossen sind. Ein solcher Typ gibt einer Miet-
wohnung durch ihr verschiedenes Niveau die Illusion der Weit-
räumigkeit eines eigenen Hauses.

In der zweiten Gruppe ist die Mietwohnung als eine große,
hohe Wohnhalle mit anschließenden, niedrigen Räumen aus-
gebildet. Diese Art hat ihren Vorläufer in der Atelierwohnung

M. I. Ginsburg und Pasternak: Wohnkombinat in Swerdlcwsk

und fußt auf der Erkenntnis, daß man an eine große Halle,
geöffnet zu dieser, einen unverhältnismäßig niedrigen Raum
anschließen kann, ohne dessen bedrückende Enge zu spüren.
Dazu gibt ein hoher Raum der Mietwohnung eine seit dem
alten Ideal der „Zimmerflucht" nicht mehr gekannte Weit-
räumigkeit.

Die ausgeführten Bauten beider Gruppen zeigen deutlich,
daß die Möglichkeiten der Schnittlösung des Wohnhauses, die
gegenüber der Grundrißlösung bisher etwas vernachlässigt
worden sind, noch sehr entwicklungsfähig sind.

Der Erweiterungsbau der Reichsbank

DR. ALEXANDER SCHWAB

Im Zusammenhang mit den Arbeitsbeschaffungsplänen der
Reichsregierung ist bekannt gegeben worden, daß die Reichs-
bank einen umfangreichen Erweiterungsbau ins Werk setzen
will. Der Plan ist nicht neu, seit langem schon wurde er
erwogen, mehrfach wieder zurückgestellt, jetzt soll er verwirk-
licht werden. Er ist in mannigfacher Beziehung interessant
genug, um einer näheren Betrachtung wert zu sein.

Schon die äußeren Größenverhältnisse sind beacht-
lich: das Baugelände, umgrenzt von Kurstraße, Alter Leipziger
Straße, Holzgarten- und Adlerstraße sowie von der Spree, ist
etwa 10 000 Quadratmeter groß, 35 Häuser stehen darauf,
alle schon der Reichsbank gehörig, an ihrer Stelle soll ein
Neubau von 5 bis 6 Stockwerken entstehen. Man hat von
Baukosten in Höhe von 25 bis 30 Millionen gesprochen —
sicherlich eine Uebertreibung, denn der versorglich angesam-
melte Baufonds der Reichsbank beläuft sich zur Zeit im ganzen
nur auf etwa 27 Millionen und soll auch den in der Provinz
auftretenden Bedarf für Neu- und Umbauten decken. Ein
genauer Voranschlag ist zudem überhaupt nicht möglich, da
Dauer und Aufwand für die Fundamentierungsarbeiten bei der
Beschaffenheit des Untergrundes ungewiß sind.

Große Bürohäuser sind ja nun in den letzten Jahren so
manche gebaut worden, man könnte sogar finden: zu viele.
Was dem Reichsbankprojekt die besondere Bedeutung verleiht,

sind drei Punkte: der wirtschaftliche Zusammenhang, das städte-
bauliche Problem, die architektonische Aufgabe.
Der wirtschaftliche Zusammenhang.

Die Reichsbank, das zentrale, regulierende Währungsinstitut
für die deutsche Wirtschaft, baut in derselben Zeit, in der die
gesamte übrige Bankwelt noch nachzittert von den Schlägen
der Krise, den Schlägen des Juli 1931, sie baut, während das
Riesenhaus der ehemaligen Diskonto-Gesellschaft zwischen
Linden und Behrenstraße noch unvermietet und — jedenfalls
bis jetzt — unvermietbar daliegt. An andern Stellen Berlins
stehen Bürohochhäuser modernster Art, der Stolz ihrer Erbauer,
zum größten Teil leer. Der deutsche Außenhandel hält sich
bisher nur durch die starke, krisenhafte Verringerung des Ein-
fuhrbedarfs aktiv. Der innere Umsatz an Waren wie an
Zahlungsmitteln steigt zwar seit September 1932 wieder langsam,
bleibt aber noch immer weit unter dem Stand von 1929 zurück.
Auch die Wertpapierumsätze an den Börsen sind, verglichen
mit den ersten Jahren nach der Inflation, noch immer minimal.

Der Laie ist geneigt, zu fragen, ob denn in solcher Zeit
des noch keineswegs überwundenen und sicher nur sehr lang-
sam zu überwindenden Schrumpfungszustandes der Wirtschaft
ein Erweiterungsbau der Reichsbank überhaupt vertretbar sei.
Man muß aber auch die andere Seite sehen: eine vielleicht
nicht angenehme aber unausweichliche Logik der Tatsachen

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