Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Altstadtsanierung, die städtebauliche Aufgabe der Zeit

HANS SCHMITT, KÖLN.

Die vollkommene Stagnation der Bauwirtschaft hat die Auf-
merksamkeit der Großstädte von den aktuellen Sensationen der
Neubauexpansion der Nachkriegsjahre abgelenkt. Hinter eine
ganze Epoche hat die Krise einen Punkt gesetzt. Die Städte
merken, daß ihnen der Zuwachs neuer Siedlungen, die meist
zufällig billigen Böden nachgegangen sind, meist nicht
durchaus gut bekommen ist. Man hat die Wohnungsnot ge-
bannt, aber eine Stadtraumnot gewonnen. Die Altstadtbezirke
der Großstädte drohen zu bersten. Selbst Kleinstädte be-
kommen diese Not zu spüren. Die den Städtebauern gestellte
Aufgabe der „Altstadtsanierung" ist äußerst kompliziert und
vielgestaltig und hat nicht nur von Stadt zu Stadt, ja innerhalb
der gleichen Stadt verschiedenen Inhalt. Beim näheren Zu-
sehen wird man gewahr werden, daß die in Frage stehenden
Aufgaben grundlegend das städtebauliche Schicksal der Städte
überhaupt entscheiden. Es dreht sich — das ist vorweg zu be-
tonen — keineswegs nur um Verkehrsprobleme. Wir wollen ver-
suchen, im folgenden alle denkbaren, den Begriff der Altstadt-
sanierung ausmachenden Gesichtspunkte allgemein zu um-
schreiben. Man muß sich natürlich hierbei bewußt sein, daß die
Dinge von Fall zu Fall anders gelagert sind, daß die verschie-
denen Inhalte des Begriffs jeweils verschieden gemischt sind,
daß einer oder mehrere gar fehlen können. Die Darlegung
soll mehr eine Zusammenfassung aller Gedanken sein, die
moderner, d. h. rein funktionell verstandener Städtebau nach
dem Stande unserer Einsichten in die Dinge heute auf die
Arbeitsaufgabe „Altstadtsanierung" anwenden müßte.

Die Stadt ist eine Großsiedlung. In ihr wohnen Menschen.

Wir wollen daher die Stadt als Lebensraum bewußt voran-
stellen und die Massen, die die Altstadt bewohnen und be-
gehen, nicht als Autofahrer, Gewerbetreibende, Käufer und
dergl. ansehen, sondern als Menschen, deren Menschlichstes
nicht an steinernen Wänden und noch so gut funktionierenden
zivilisatorischen Errungenschaften sein Genüge finden kann.
Das Wesen der Altstädte ist es nun, historische — wobei das
Geschichtliche bis ins 19. Jahrhundert, bis an die Schwelle der
Industrialisierung und der Großstadtbildung überhaupt, in Einzel-
fällen noch darüber hincusgeht — Gebrauchsbezirke des Woh-
nens und der Gewerbe darzustellen, die ursprünglich auf ein
menschliches Maß ausgerichtet, später mit neuen räumlichen
Aufgaben überschichtet worden sind, die dem gegebenen
Maß nicht mehr entsprechen und jede für sich ausgereicht
hätten, eine ganz neue, stadtorganisatorische Form heraufzu-
führen. Es liegen nicht alle Dinge als Leistungsaufgabe primär
so unkompliziert wie auf dem jungfräulichen Boden etwa
Amerikas oder Sowjet-Rußlands. Unsere alten europäischen
Städte sind die Schlachtfelder und Trümmerstätten der Kämpfe
zweier grundsätzlich verschiedenen und oft genug entgegen-
gesetzten Produktions- und Wirtschaftsweisen der Menschen.
Sie sind die Reibungsflächen der Wirtschaftsverfassungen, die
man, komplex gesagt, die handwerkliche und die maschinelle
nennen könnte, die gemüthafte und die rationale, die mensch-
liche und die gegenständlich-zivilisatorische. Das Menschliche
ist allüberall auf der Strecke geblieben. Das soll keine Resi-
gnation sein, nicht der Feststellung gleichkommen, daß die
Welt der Maschine nie eine gute sein kann, daß doch alles

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