Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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ii. *)

Universitätsdozent Dr. Fhilipp Schweinfurth-Riga
setzt heute seinen im 2. Oktoberheft des „Kunstwande-
rers“ begonnenen Aufsatz über seine Griechenland-Reise
fort. Inzwischen hat der Gelehrte (am 10. Januar) in der
Urania zu Berlin einen Vortrag über das alte Griechen-
land im Lichte der neuesten Forschung gehalten und
einem stattlichen Kreis von Kunstfreunden, die an der
hochinteressanten Veranstaltung teilnahmen, reiche An-
regungen geboten. Universitätsdozent Dr. Schweinfurth
belebte seine Darstellung durch zahlreiche Lichtbilder.

| ic Aphroditegruppc von Delos, deren Figuren et-
was unterlebensgroß sind, gehört zu jenen Spät-
werken des Hellenismus, bei denen die Einflüsse der
Malerei ebenso wie die Rückwirkungen der Kleinplastik
die in der Skulptur des großeri Zeitalters herrschende
Gesetzmäßigkeit längst durchbrochen haben. Außer
dem praxitelischen Motiv das in der Haltung der Göttin,
in der Wendung ihres Kopfes noch sichtbar durch-
schimmert, ist in eigentlich plastischem Sinne hier
wenig wahrzunehmen. Einzelheiten, wie zum Beispiel
die prächtig erhaltene Hand mit dem Schuh, mögen in
ihrer Bildung vielleicht auf realistische Wachsfiguren
der späten Zeit zurückgehen. Unter den erst in letzter
Zeit im Athener Nationalmuseum aufgestellten griechi-
schen Originalen befinden sich neben den genannten
Früh- und Spätwerken auch mehrere echte Beispiele
des hohen Stils. So zwei Reliefs des ausgehenden
V. Jahrhunderts, von denen das 1908 in Phalcron gefun-
dene von besonderer, unvergeßlicher Vollendung ist.
An der dargestellten Szene nehmen Götter, Halbgötter
und Sterbliclie teil. Wir erblicken da den kleinen lon,
den Sprößling der Kreusa und des Apollon, der seinem
irdischen Nährvater vom Gotte selbst vom hohen del-
phischen Dreifußthron lierab empfohlen wird. Nymphen
und attische Lokalgöttinnen stehen als Zeugen dabei,
und ein gehörnter Flußgott, wohl Kephissos, streckt sein
weises Haupt in die Szene hinein. Apoll auf seinem
Dreifuß, in C.esellschaft der ihm gerade nahestehenden
Sterblichen, das lichte Wandeln der diese Gruppe um-
gebenden Gestalten, der reine Zusammenklang des
Ganzen — das alles ist hier Inbegriff der griechischen
Kunst, ein tiefer, wunderbarer Traum voller Licht und
Kraft. Sta'is, der das Relief entdeckt hat, datiert es in
das ausgehende fünfte Jahrhundert. Das feierlich Ver-
tikale der Figuren, die Sparsamkeit im Gebrauch der
Überschneidungen, die Wiederholung gleicher Schritt-
motive rücken das Werk vielleicht mehr in die Mitte
des Jahrhunderts hinauf. Bemerkenswert ist an ihm
aucli eine ganz eigene, gemmenartige Technik, bei der
sehr stark mit der Bemalung gerechnet war; so sind,

*) Siehe „Der Kunstwanderer“, 2. Oktoberheft 1922.

z. B. die Füße nur im Umriß angedeutet, Zehen und San-
dalen waren gemalt. Das Relief (1,05 X 0,56 m) stand
auf einem 1,62 m hohen pfeilerartigen Untersatz, der
sich ebenfalls im Nationalmuseum befindet. Die Weili-
inschrift bezieht sich nacli Sta'is (No. 2756 des französ.
Katal.) auf einen Theatersieg, bei dem die Tragödien
Stoffe aus dem auf Relief zur Darstellung gebrachten
Mythenkreise behandelten; der lon des Euripides kann
hier indes nicht Frage kommen.

Das dureh die Bemühungen des griechisehen By-
zantinisten Professor A. Adamantiu in Atlien ins Leben
gerufene, zuriächst noch provisorisch in den unteren
Räumen des Akademiegebäudes aufgestellte Museum
byzantinischer Kunst, mit seinem großen Schatz, dem
Epitaphios von Salonik, ruft irn Besucher eine Welt von
Gedanken wach. Die Frage, wie das asketische Ideal
des Christentums Eingang finden konnte in die antike
Welt, gehört überhaupt zu den Fragen, die man sich in
Athen immer wieder stellt. Bisher waren die Mosaiken
von Daphni das bedeutendste Denkmal der byzanti-
nischen Kunst in der Nähe von Atlien gewesen. Zu dem
eine gute Stunde vom botanischen Garten entfernten
Ort fiihrt einer der schönsten Wege, die man in der
großen, von der Akropolis beherrschten Ebene machen
kann. Mitten im Ruin des Klosters ist die Kirche erhal-
ten geblieben. In ihr richtet sich der Blick vor allem
auf den großen Pankrator in der Kuppel, die aus dem
XI. Jahrhundert stammende schönste Darstellung dieser
Art, die wir kennen. Das kolossale, mehrmals lebens-
große Brustbild Christi, der hier in seiner Dauergestalt,
als Herr der Welten, aufgefaßt ist, wird von einem
Regenbogenkreis umgeben. Innerhalb dieses Kreises
löst sich die Gestalt mächtig vom Goldgrunde los. Das
Haupt, dessen kastanienbraunes Haar von Gold durch-
zog'en ist, wird vom Nimbus umgeben. Eine weinrote
Kante hebt ihn vonr übrigen Goldgrunde ab, und ein
silbernes Kreuz findet sich in den Nimbus eingezeichnet.
Der stumpfblaue Mantel ist tiber das golddurchzogene
braune Gewand gelegt. Die Reclite Christi ist zum
Segen erhoben, die Linke preßt das goldene, mit juwe-
lenbesetztem Kreuz und silbernem Schnitt geschmückte
Bucli an die Brust. Der Blick gelit von rechts nach
links, in eigentümlichem Schielen. Der Bildung des
riesigen fahlen Angesichts mit seinen ausgeprägten
Muskelpartien licgt unverkennbar ein hellenistischer
Zeustypus zugrunde — es ist diese aber ein Zeus, von
denr sich alle griechische Sonne abgewandt. „Ihr pon-
tischen Kimmerier, nicht nur zu einer sechsmonatlichen
Nacht verdammt, das ganze Lebcn ist euch untcr dem
Schatten des Todesgedankcns Nacht.“ Gregorius von
Nazianz, der „das goldene Athen, die Geberin alles

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