Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 19.1928-1929

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Die Revolutionierung der Kunst in Slovenien
Ferdinand Delak und Heinz Luedecke

Trotz gewisser Beeinflussungen durch den Geist
des Ostens ist das deutsche künstlerische
Interesse noch immer vorwiegend westlich
orientiert. Paris ist der große Magnet, der die
Blicke des deutschen Publikums so sehr an-
zitht, daß höchstens die starke Sensation Moskau
sie zeitweilig einmal auf sich zu lenken vermag.
Daß auch im Südosten Europas ein neuer
Gestaltungswille lebendig wurde, hat man in-
zwischen zu sehen versäumt. Und doch ist
gerade das Erwachen der modernen künstle-
rischen Ideen in den südslawischen Staaten
des größten Interesses wert, weil hier noch
einmal das Ringen um den neuen Stil, seine
Genesis, miterlebt werden kann. In West-
europa beginnt schon historisch zu werden,
was im Südosten noch aufrüttelnder Kampf-
ruf ist.
Ein besonders lebendiges und modern ge-
richtetes Kunstschaffen besitzt Slovenien, ein
Land, in welchem slawische, deutsche und
italienische Einflüsse zur Synthese mit dem
eben erwachenden nationalen Kulturbewußtsein
streben. Sloveniens junge Künstler versuchen,
vielfach in Verbindung mit den Futuristen und
mit dem Berliner „Sturm“, seit einigen Jahren
einen neuen Stil auf allen Gebieten der Kunst
zur Geltung zu bringen. In Ljubljana wurde
der „Tank“ gegründet, eine Zeitschrift, die das
Wagnis unternahm, in Jugoslavien für neue
Ideen, für internationalen Geist und besonders
für den expressionistischen und konstruktivisti-
schen Stil einzutreten und deren Begründer
Ferdinand Delak ist. Um den „Tank“
schart sich eine Gruppe junger Maler, Archi-
tekten, Schriftsteller, Musiker und Bühnen-
künstler, deren Ziel es ist, den zeitgenössischen
kollektiven und konstruktiven Ideen zu dienen.

Die neue künstlerische Bewegung, die eine
Abkehr von der bürgerlichen Kulturauffassung
und einen Protest gegen überlebte Traditionen
darstellt, geht von Ljubljana und Triest aus.
Ljubljana, die Hauptstadt Sloveniens, ist
Mittelpunkt der „Tank-Gruppe“, während in
der jetzt italienischen Stadt Triest Professor
Avgust Cernigoj, der führende sloveni-
sche Konstruktivist, die „Schule der modernen
Aktivität“ leitet. Um ihn hat sich eine Gruppe
junger slovenischer Konstruktivisten gesammelt,
die in der „Tank-Bewegung“ eine erhebliche
Rolle spielen.
Das Wirken der künstlerischen Avantgarde
beginnt mit der Gründung der „Neuen Bühne“
durch Cernigoj und Delak in Ljubljana im
Jahre 1924 und mit einer propagandistischen
Ausstellung Cernigojs im gleichen Jahre.
Beide Veranstaltungen erregten in bürgerlich
orientierten Kreisen größten Widerspruch,
riefen andererseits aber die Jugend zur ge-
meinsamen Tat auf. Die „Neue Bühne“ war
nicht nur eine Institution für die Erneuerung
der Bühnenkunst, sondein auch der Sammel-
punkt für alle jungen Kräfte, die an der Er-
schaffung eines neuen Stils auf allen Gebieten
der Kunst mitarbeiten wollten. Die Kampfes-
und Proteststimmung, die im Kreise um die
„Neue Bühne“ herrschte, wird am besten
charakterisiert durch einen Auszug aus ihren
Manifesten, die das junge Slovenien zur
Aktivität aufforderten und die Aufklärung über
die Ziele der Gruppe gaben:
„Die Kunst ist nur dann Kunst, wenn sie
Synthese der Zeit mit der Unterschrift
einer ausdrucksvollen Persönlichkeit ist.“
„Die moderne Kunst ist nicht nur der
Kampf gegen das epische Heldenpathos

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