Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 19.1928-1929

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Herwarth Walden
am 16. September 1928 50 Jahre alt
Rudolf Blümner
Herwarth Walden ist eines der bedeut-
samsten Phänomene im nationalen und
internationalen Kunstleben der letzten fünf-
undzwanzig Jahre, Die Fülle seiner geistigen
Gaben ist so ungewöhnlich groß, daß die
übliche Würdigung kaum ausreicht, um ihn
auch jener Allgemeinheit begreiflich zu machen,
die seinen Gedanken, Werken und Taten
ferngeblieben ist.
Die deutsche und die internationale Oeffent-
lichkeit, soweit sie sich für eine fortschreitende
Kultur und Kunst interessiert, kennt heute
Herwarth Walden als den Begründer, Leiter
und Führer des „Sturm“, jener radikalen
Kunstbewegung, die seit 1910 alles erfaßte,
was an neuen und großen Kunstbestrebungen
vorhanden war und in der Folgezeit die
größten Erscheinungen dieser neuen Kunst
so sehr auf sich konzentrierte, daß sie ihre
Geltung in der Welt der Kunst durchsetzte
und ihr überall ein selbständiges Dasein
ermöglichte.
Herwarth Walden folgte von Anfang an seiner
eigenen musikalischen und dichterischen
Doppelbegabung. Er schuf, nachdem er in
Italien Musik studiert hatte, in frühen Jahren
die Mehrzahl seiner musikalischen Werke,
während ihn gleichzeitig sein Interesse für
die deutsche und ausländische Dichtung zu-
nächst auf den Weg der kulturellen Propaganda
führte. Er gründete nach dem „Peter-Hille-
Kabarett“, dem sich Else Lasker-Schüler und
Peter Hille widmeten, vor fünfundzwanzig
Jahren den „Verein für Kunst“, zu dessen
Abenden er die besten Europäer der
damaligen Kunst heranzog. Walden war

es, der damals als erster mit Eifer auf
Heinrich Mann, Scheerbart, Dehmel, Lilien-
cron, Mombert, Lasker-Schüler, Holz, Paul
Ernst, W. von Scholz, Döblin, Vollmöller,
Karl Kraus, Adolf Loos hinwies, zu einer
Zeit also, die ihrer allgemeinen Anerkennung
um zehn oder fünfzehn Jahre voraus war.
Nach einigen vergeblichen Versuchen, seine
neuen Ideen als Herausgeber oder Redakteur
bestehender Zeitschriften durchzusetzen, er-
kannte Walden, daß er für diesen Zweck
einer eigenen Zeitschrift bedürfe. So be-
gründete er 1910 die Zeitschrift „Der Sturm“,
die er bis heute in ununterbrochener Folge,
wenn auch in verschiedener Form, durch Krieg
und Inflation mit zäher Kraft und gegen
tausend Angriffe und Widerstände erhalten
hat.
Walden propagierte im „Sturm“ von Anfang
an Dichtung und Malerei und beging schon
im ersten Jahrgang eine seiner denkwürdigen
Taten, indem er den Zeichner Oskar Kokoschka
gegen Spott und Gelächter der Laien und
„Sachverständigen“ durchsetzte und so der
Begründer seines heutigen Ruhmes wurde.
Als 1912 die italienischen Futuristen auf-
traten, zeigte Walden als erster die Gemälde
dieser kühnen Neuerer nicht nur in Berlin,
sondern in ganz Deutschland und im Aus-
land bis Tokio. Viele werden sich noch er-
innern, wieviel sichere Erkenntnis und Zähig-
keit erforderlich war, um diese „Beleidigung“
der gesamten früheren Malerei gegen eine
Welt durchzusetzen, die nicht nur spottete,
sondern in ihrer Wut bis zur Bilderstürmerei
ging.
Als dann Walden 1913 den „Ersten Deutschen
Herbstsalon“ veranstaltete, der in einer
großartigen Schau die gesamte europäische
Malerei, vor allem den alles verblüffenden
Kubismus zeigte, brach in der Oeffentlichkeit

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