Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Die Darstellung des Werkstoffes „Farbe

OTTO RÖCKERT, MÖNCHEN

Im allgemeinen versteht man unter „Farbe" jede beliebige
farbige Erscheinung, die uns überall, wohin wir auch blicken,
gegenübertritt. Als Werkstoff begegnen wir der Farbe bei den
verschiedensten Färbeverfahren, beim Buch- und Steindruck und
nicht zuletzt bei den Arbeitsvorgängen des Baumalerhandwerks.
Gerade in dem letztgenannten Gewerbe spielt die Farbe als
solche eine überragende Rolle, und zwar insofern in doppelter
Hinsicht, als ihr einmal die Aufgabe zufällt, kraft der physi-
kalischen und chemischen Eigentümlichkeiten des Färb- oder
Lackfilmes die Lebensdauer des gestrichenen Gegenstandes
zu erhöhen und als wir andererseits von einem solchen An-
strich verlangen, daß er als optische Erscheinung einen be-
friedigenden Eindruck hinterläßt. Der Werkstoff Farbe,
der sich stets aus Bindemittel, Körperfarbe (Pigment)
und Lösungsmittel zusammensetzt, ist vom technologischen
Standpunkt aus gesehen jederzeit eine problematische An-
gelegenheit. Die Zusammenhänge zwischen dem Verhalten des
Untergrundes und des Werkstoffes selbst bilden stets, wann
es auch sein möge, einen Gefahrenpunkt, an dem der
schönste und gediegenst aufgetragene Anstrich scheitern kann.
Diese Tatsache läßt ohne weiteres den Rückschluß zu, daß im
Grunde genommen die allgemeinen technologischen Kenntnisse
und Erfahrungen als Kernpunkt der Ausübung des Baumaler-
handwerks zu gelten haben. So kann, um nur ein Beispiel

anzuführen, ein mit aller Vorsicht und mit eindeutiger hand-
werklicher Sorgfalt durchgeführter Lackschliff auf einem Weich-
holzuntergrund auf die Dauer der Zeit niemals haften bleiben.
Die Oberflächenerscheinung des Lackschliffes wird, da selbst
der allerbeste Lackfilm bis zu einem gewissen Grad wasser-
durchlässig ist, durch die aus Wasseraufnahme und Wasser-
abgabe des Holzes resultierende Holzbewegung rissig und
damit im höchsten Grade unansehnlich.

Das gleiche gilt für den nicht allzu seltenen Fall der allzu
raschen Aufeinanderfolge der Anstriche oder aber für den des
fehlerhaften Aufbaus derselben. Von dem Aufbau der An-
striche, d. h. von der Anzahl der Arbeitsgänge und der Sorg-
falt, mit der diese vorgenommen werden, leitet sich letzten
Endes die optische Erscheinung der Holzanstriche und Lackie-
rungen ab. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß die heute
landesübliche, billige Weißlackierung, die auf 3—4 Arbeits-
gängen beruht, lange nicht so gut aussehen kann, wie ein
sorgfältig aufgebauter, allerdings kostspieligerer Anstrich. Das
Aussehen eines solchen Anstriches ist in gewisser Hinsicht stets
der Gradmesser der zu erwartenden Haltbarkeit. Diese Halt-
barkeit beruht erneut auf einer Doppelerscheinung: auf dem
allgemeinen, durch die Sorgfalt des Anstrichaufbaues bedingten
Verhalten des Lack- und Farbfilmes und auf der optischen
Veränderung, der die einzelnen Pigmente und Bindemittel unter-

2. Probelafel mit 4 Lithoponeanstrichen. Die optische Wirkung
der Anstriche ist je nach der Güte der Lithoponesorten
eine andere.

A. Silbersiegel

B. Rotsiegel

C. Grünsiegel

1. Durch fehlerhaften Aufbau des Anstrichs gerutschterSchleiflack D. Gelbsiegel

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