Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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üon. Die Ahnen ihrer Kunst, die alten Holländer, die Spanier, kannten
diese Erscheinungen nicht in ihrer Bildwelt. Auch die Impressionisten
hatten teil an der allgemeinen Gesinnung, welche die technische Form
als gültige Formgebung verwarf. Die gleiche Gesinnung, die davor zurück-
schreckte, technische Dinge offen zu zeigen, hielt die Maler ab, sie dar-
zustellen. Endlich erfuhren stofflich ungewohnte Bildthemen die stärkste
Ablehnung. Jedoch hätte diese Abwehr nicht gehindert, nachdem die
Gleichwertigkeit aller Stoffe postuliert war, beschlossen in Liebermanns
Wort von der schlecht gemalten Madonna und der gut gemalten Rübe.
Die Bindung durch Tradition und herrschende Anschauung ist nicht aus-
schlaggebend. Courbet hat die Steinklopfer gemalt, Degas die Putzmache-
rinnen, van Gogh die Erdappeleters. Das Proletarische kommt in diese Bild-
welt; aber nicht die Technik, die Maschine. Cezanne spricht zwar von
geometrischen Formen, von Kegel und Zylinder. Aber er wendet seine
Theorie auf Gefäße, Früchte und Menschenleiber. Auch die nächste Maler-
generation läßt die technischen Erscheinungen beiseite. Die Matisse, Picasso,
Braque gehen über die Stoffwelt Cezannes nicht wesentlich hinaus. In
Deutschland hat die Technisierung der Architektur keinen Widerhall in
der Malerei gefunden; bei den Malern der Brücke nicht und nicht bei
Grosz, Hofer, Beckmann.

Die Maler, die sich der Darstellung technischer Dinge zuwenden, sind
Spezialisten. Es gibt Maler der Eisenbahn, wie es Marinemaler gibt. Alles
bekommt einen Zug ins Literarische oder Genrehafte. Man gibt die Er-
scheinung in mystischer Beleuchtung oder braucht sie als Requisit kämpfe-
rischer Gebärde. Die Malerei gleitet ab zur Illustration. Man ist um Hinter-
gründe bemüht, weil die Erscheinung nicht verwirklicht wird.
Das Tafelbild scheint unter den bildenden Künsten am wenigsten stoff-
licher Bindung unterworfen. Es trägt Ende und Bedeutung in sich selbst;
es entsteht ohne anderen Zweck als da zu sein. Beim Wandbild ist Wahl
des Stoffes, zeichnerische Gliederung, farbiger Aufbau abhängig von dem
bestimmten Raum. Plastik entsteht angelehnt und gebunden an Archi-
tektur; noch die freie Plastik ist auf die Darstellung des Körperlichen ge-
wiesen und beschränkt durch die Fähigkeit des Materials. Das Tafelbild
ist die späteste und geistigste Darstellungsform; nichts scheint ihm ver-
wehrt von der Spiegelung der Erscheinungen bis zur freien farbigen Kom-
position. Wenn es nicht glückt und kaum versucht wird, Eisen und
Beton der Bildwelt zu gewinnen, muß hier eine Grenze sein, die in der
Sonderheit der technischen Dinge ihren Grund hat.

Wesen der technischen Dinge ist Geometrie, Gleichform, Wiederholung.
Querschnitt durch technische Dinge zeigt immer genaue geometrische

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