Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Adelens bitterste Stunde

von LUDWIG MEIDNER

Das Folgende ist keine spannend verlaufende Erzählung, sondern die Dar-
stellung einer kleinen Begebenheit, eines Einakters sozusagen, welcher
durch ein paar komische, jedoch auch tief beklagenswerte Züge des In-
teresses nicht entbehrt; und wenn ich das alles nicht genau mitteilen
kann, so liegt es wohl daran, daß ich, obschon ich die Hauptperson gut
kenne, nicht selber dabei war, sondern von einem Beteiligten den Verlauf
der Geschichte erzählen hörte. Es dreht sich, wenn man so sagen darf, um die
unverehelichte Kunstmalerin Fräulein W., welche wir hier der Kürze wegen
Adele nennen möchten, obzwar sie nicht so hieß; doch paßt dieser Vor-
name, scheint uns, ganz vortrefflich zu dieser schmächtigen, reduzierten
Gestalt in ihrem mehr als dürftigen Habit, zu diesem schrecklich abge-
zehrten Gesicht, in welchem ein dünner Mund sich gern gekränkt verzog,
als sei dem Träger „eine Laus über die Leber gelaufen".
Das alles freilich war kein Zufall, sondern die Folge eines seit vielen Jahren
geübten Eigensinns, ja Starrsinns, denn diese Neununddreißigjährige, wel-
cher einstmals angenehmes Wesen und anmutiges Aussehen zu eigen ge-
wesen sein soll, war ein Mädchen aus hochbegütertem Hause, die dem
Willen der Eltern zum Trotz ein eigenbrötlerisch schrulliges Leben führte
in erbärmlichsten materiellen Verhältnissen und mit völlig unbegabtem Sinn
der Malerei ergeben. Ihre Leute, welche in Westfalen auf einem burg-
ähnlichen Schloß saßen, wurden müde der ewigen Ermahnungen und
erbitterten Vorwürfe, gaben dem Mädchen seit Jahren keinen Pfennig mehr
und ließen sie endlich ganz fallen. So lebte Adele in einem kleinen Atelier
in Steglitz, das am Ende eines dunklen Ganges neben Bodenkammern
eingerichtet war. Das heißt, von Einrichtung war nicht viel die Rede, es
standen da einige Kisten und Pappschachteln herum, eine Staffelei, ein
eingesunkenes Chaiselongue, das nachts auch als Bettstatt zu dienen hatte,
ein häßlicher maroder Tisch und ein Schränklein, in welchem das Fräulein
ihre wertvolleren Habseligkeiten und die geringen Speisevorräte bewahrte.
Zu allen Zeiten sind Nachahmer und Epigonen dagewesen, in der jüngst-
vergangenen aber gabs kein lustiges dekoratives Manierchen, das einer
sich ausgetüftelt, welches nicht auch sein Kunstschriftstellerlein fand, das
davor staunend in die Knie sank und nicht auch sogleich ein paar Nach-
ahmer, welche dies Ausgetüftelte flink verballhornt unter die Leute brachten.
Adele freilich in ihrer Selbstherrlichkeit schmeichelte sich, keine Epigonin
zu sein, sondern aus eigenem Saft ihr Blümlein sprießen zu lassen. Das
aber war ein Irrtum, denn sie, wie ein paar der Freundinnen, ebenfalls

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