Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Matare — der bei Flechtheim ausgestellt hatte — erweist sich auch weiterhin als ein
empfindsamer Manierist. In seinen Landschafrsaquarellen, die das Talent von einer neuen
Seite kennen lehren, geht er von einer weichen, großflächigen aber auch etwas fleckigen
Technik auf feuchtem Papiergrund aus. Die Motive und Stimmungen erscheinen dieser
Technik zuliebe gewählt. Wie einst bei Monct, kehrt dasselbe Küstenmotiv in verschiedenen
Tageszeiten wieder; im Gegensatz zu Monet sucht Matare aber nicht die Wetterstimmung
malerisch zu ergründen, ihm wird sie Vorwand für etwas geschmacklich Abgestimmtes,
das sich zwar bis zum Feinen, Zarten und selbst Geistreichen erhebt, immer aber auch
im Dekorativen beharrt.

L'nter den Skulpturen bleiben die Tiere am ausdruckvollsten. Die starke Vereinfachung
mutet zwar etwas kunstgewerblich an, doch erhält sich der Natureindruck. Die Kühe,
zum Beispiel, haben, bei aller gedrechselten Glätte, etwas typisch Kuhiges; das Träge,
schwer Lagernde und Schnaufende kommt zum Ausdruck. Ein antikisierendes Pferd und
eine überschlanke Madonna mit Kind sind Arbeiten eines Experimentierenden, dem sich
Stil und Spiel reimt und der in nicht ganz legaler Weise nach Varietät strebt. K. Sch.

Der sechzigjährige Wilhelm Kreis

Als Kreis noch fünfundzwanzigjährig war, hat er mir eine Anekdote von sich selbst erzählt:
er sei in einer Sitzung von Magistratsmitgliedern oder Stadtverordneten in Dresden
anwesend gewesen, weil man ihm einen Auftrag erteilen wollte. Eine Minderheit hatte
aber — angesichts seiner Jugend — protestiert und einen Wettbewerb gewünscht. Da sei
Kreis aufgestanden und hätte gesagt: „Damit bin ich ganz einverstanden, ich gewinne
die Konkurrenz ja doch."

Er hatte Recht: damals gewann er alle Konkurrenzen. Als erster Preistiäger. Denn es
gibt auch Talente, die für zweite Preise vorherbestimmt sind. Dieses Siegen auf dem
Papier charakterisiert besser als alles andere das Talent des jetzt Sechzigjährigen. Er
konnte schon als junger Architekt mit Zeichnungen Wirkungen erzielen, die in ihrer
flüssigen Pathetik, ihrer monumentalen Plakathaftigkeit, ihrer barocken Romantik und
ihrem sinnlichen Eklektizismus alle Preisrichter bestachen. Die fertigen Bauwerke —
Bismarcksäulen, das Burschenschaftsdenkmal — sahen dann ja nicht so stimmungsvoll
erhaben aus; doch hatten sie noch Qualität genug, um Kreis einen dauernden Ruhm zu
sichern. Dieser Architekt hat von Natur das Denkmalstemperament; auch von ihm, wie
von Bruno Schmitz, läßt sich sagen: er ist der Turm. Bei seinen Architekturen ist viel
Fanfare und Posaune im Spiel, ein gewisser barocker Zyklopismus. Einen guten Teil
seiner Kraft hat Kreis dann daran setzen müssen, um den Ruf seiner genialischen Jugend
zu wahren, als er später dazu überging, im Westen Deutschlands Hochhäuser und in
Düsseldorf die Gruppe der Kunstgebäude am Rhein zu bauen. Denn seine rein darstellende
Architektur wollte sich nicht leicht dem Zweckbau fügen. Das Beste seines Wesens ist
eine widerstandsfähige Vitalität. Vergleicht man ihn seinen Kollegen, so steht er mit
in erster Reihe; vergleicht man ihn den alten Baumeistern, so zeigt es sich, daß auch
er ganz ein Kind seiner Zeit ist, abgeschnitten — wie alle — von den ursprünglichen Quellen
der Form und darum auf Nachdichtung angewiesen. Wessen er, mit diesem Vorbehalt,
fähig ist, beweist der Neubau der Dresdener Augusius-Brücke. Ein Poet des Eklektizismus!

K. Sch.

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