Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

Page: 198
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bei der Malerei aber eines sind und eben deshalb bei ihr jedes in abstracta so unvoll-
kommen erscheinr. So viel, dünkt mich, werde daraus gewiß, daß die Malerei bei weitem
schwieriger als die Musik sei . . . Musik kennen und haben schon die Tiere; von Malerei
haben sie aber keine Idee. Die schönste Gegend, das reizendste Bild werden sie eigent-
lich nicht sehen. Ein gemalter Gegenstand aus dem Kreise ihrer Bekanntschaft betrügt
sie nur. Aber als Bild haben sie keine Empfindung davon.

(Aus „Novalis, Fragmente". Wolfgang Jess Verlag)

Altberliner Bildnisgraphik

im Kupferstichkabinett

Eine nicht nur künstlerisch anregende Ausstellung, sondern auch eine kleine altberliner
Porträtgalerie, die ein Stück Geschichte umfaßt. Die es um so einleuchtender tut, als
alle Zeichner in den ersten beiden Dritteln des neunzehnten Jahrhunderts den Menschen
als geistige Erscheinung („es ist der Geist, der sich den Körper baut") darzustellen den
Ehrgeiz gehabt haben, so daß die Wesenszüge des Gelehrten, des Staatsmannes, des
Künstlers usw. betont erscheinen. Im Gegensatz zu Bildniszeichnungen des Expressio-
nismus, der den Menschen mehr zoologisch aufgefaßt hat. Alle Berliner Männer —
Frauen sind nur wenige da — sehen in dieser lithographierenden und radierenden Porträt-
kunst klug, gebildet, geistig kultiviert und sogar bedeutend aus.

Lehrreich ist die Ausstellung auch insofern, als sie zeigt, wie hoch das allgemeine Iland-
werksniveau der Lithographen lag, bevor die Photographie es zerstört hat: die Durch-
schnittsleistung ist imponierend. Freilich isr bei der Übertragung der Künstlerzeichnung
auf den Stein durch die Hand des Lithographen oft das Letzte verloren gegangen. Die
Lithographien erscheinen etwas gleichmäßig, sie alle sind beim Prozeß der Übertragung
unwillkürlich „geschönt" worden. Die Folge für diese Ausstellung ist, daß man sich mit
dem lebendigsten Interesse den verhältnismäßig wenigen Bildnislithographien zuwendet,
die von den Künstlern unmittelbar auf den Stein gezeichnet worden sind. In diesem
Sinne sind die Porträts Gottfried Schadows eine Klasse für sich. Vor den von fremder
Hand übertragenen Bildnislithographien möchte man immer die Originalzeichnung da-
neben sehen. Leider ist es nicht möglich, weil die Zeichnungen von der Nationalgalerie
gesammelt werden. K. Sch.

Handzeichnungen Adolf Hildebrands

Das Graphische Kabinett I. B. Neumann und Günther Franke in München zeigt eine Aus-
lese der künstlerisch bedeutsamsten und dokumentarisch wichtigsten llainl/.eichnungen
aus Adolf Hildebrands Nachlaß, die bisher nur einmal, kurz nach dem Tode des Künst-
lers (1921) in der Münchner Staatlichen Graphischen Sammlung öffentlich ausgestellt
waren. So gern, viel und gewandt Ilildebrand zeit seines Lebens gezeichnet hat, so ist
für uns sein zeichnerisches Oeuvre doch weniger um seiner selbst willen bedeutsam als
in bezug auf die Persönlichkeit. In den Zeichnungen kommt das im höchsten Sinne
Akademisch-Klassizistische noch stärker zum Ausdruck als im plastischen W erke. Die
künstlerische Qualität des Hildebrandschen Klassizismus ist begründet in seiner organi-
schen Gewachsenheit — in der dann auch der Grund für seine klärende Wirkung zu
suchen ist. Die Familienporträis, deren zeichnerische Präzision etwas an Wasmann er-

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