Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Albrecht Altdorfers neues Gemälde
Im Kaiser-Friedrich-Museum

von P. WESCHER

Schon im neunzehnten Jahrhundert von den Sammlern als „rarissime"
bezeichnet, wurden im Lauf der letzten Jahre dennoch eine Reihe über-
raschender Werke Albrecht Altdorfers entdeckt. In das „Oeuvre" des
Landschafters, wie es bisher bekannt war und seinen festen Platz inner-
halb der altdeutschen Malerei hatte, schiebt sich nun wie ein neuer Sektor
die Vorstellung des Figuren- und Wandmalers, seit wir einerseits von Bild-
nissen, andererseits von Fresken ausführlichere und sichere Kenntnis be-
kommen haben. Damit tritt neben den Kleinfigurenmaler der Monumental-
maler Altdorfer, der uns bisher fremd war. Es ist nach dem Gesetz der
Serie nicht so merkwürdig, wenn das neu erworbene große Gemälde
des Kaiser-Friedrich-Museums, eine Geburt Christi, die aus einer öster-
reichischen adligen Sammlung kam und sich früher in St. Florian befun-
den haben soll, völlig auf der Linie liegt, in der sich die neuere Forschung
bewegt. In dem bisher bekannten „Werk" gibt es nur ein einziges eng
verwandtes und fast wie ein Gegenstück erscheinendes Bild, die „Geburt
der Maria im Tempel" in der Münchener Pinakothek, zu der das Berliner
Kabinett die instruktive Vorstudie des Architekturgerüstes besitzt. Beide
Bilder stimmen in der farbigen Haltung weitgehend überein, beide sind
in großer Fläche von einem neutralen Steingrau beherrscht, das in dem
Berliner Bild leicht ins Bräunliche und Schwarze spielt, und in dem die
wenigen Farbenakzente außerordentlich lebhalt wirken. Es ist nicht un-
wahrscheinlich, daß - im Vergleich mit den übrigen Bildern — diese
relative Farblosigkeit zusammenhängt mit der Tätigkeit an den Fresko-
malereien im Bischofshor in Regensburg. Altdorrer wird sowohl in Ur-
kunden wie noch auf seinem Grabstein als Baumeister bezeichnet. Und
das scheint in dem neuen Bild am wesentlichsten, daß es wie von
einem Architekten aufgebaut ist, von einem romantischen Maler-Bau-
meister der Art Schinkels, der die malerischen mit den architektonischen
Kl erneuten zu verbinden weiß, der gerade mit Hilfe der Architektur be-
sondere landschaftliche Stimmungen hervorzaubert. Nachtbilder sind in
der deutschen Malerei ziemlich selten, seltener als in den Niederlanden,
wo schon im fünfzehnten Jahrhundert dieser Lichteffekt gesucht wurde.
Ein Nachtbild von einzigartiger Wirkung besitzt das Kaiser-Friedrich-Mu-
seum in Baidungs „Tod des Pyramus". Aber hier ist der Gegenstand ebenso
ungewöhnlich wie die Auffassung. Die Geburt Christi, unendliche Male
dargestellt, gibt wie wenige Motive einen Prüfstein für künstlerische Ori-

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