Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Die in ihrer ganzen Breite zugelassenen Erörterungen über echt und falsch galten forensisch
nur einer Vorfrage. Denkbar war immerhin, daß W. sich tauschen konnte, da er, wie
Meier-Graefe betonte, sich an diejenigen wandte, die für orientiert galten. Das Schwer-
gewicht lag diesmal auf den materiellen Betrugsindizien, die mit der Echtheitsfrage nicht
notwendig zusammenfielen. Es ging in dieser Revision nicht um van Gogh; man hatte
es vornehmlich mit Fingerabdrücken, Kontoauszügen, Urkundenfälschung, Offenbarungseid
zu tun. Die Hauptfigur: „mein Vorbesitzer", wie W. sagte, offenbarte sich nicht. Auch
nach Goldschmidts Zeugenaussage (er sei durch Kombination auf den Namen des jetzt
in Frankreich lebenden Russen gekommen, W. habe ihn, nach anfänglichem Zögern,
bestätigt, es beständen aber Gründe, die eine Namensnennung und die oft erörterte Reise
zu ihm, sei es im Auto, im Flugzeug, ja sogar zu Fuß, unmöglich machten) fiel keine
Hülle von dem verschleierten Bild des Russen. Durch ausführliche Darlegungen von
Entlastungszeugen, wie oft man ohne Paß mit Bildern über die schweizer Grenze ge-
kommen sei, wurde eine erhebliche Strafverschärfung erreicht und W. nach der Urteils-
verkündung wegen Fluchtverdachts sogleich in Haft genommen.

Bis zu den Hintergründen des immer noch rätselhaften Falles ist man nicht vorgedrungen.
In seinem Schlußwort beteuerte W. — „hehlerischer Mithelfer" oder höriger Freund, Mit-
wisser gefährlicher Geheimnisse? —, alle Gründe zur Geheimhaltung könne er nicht
nennen; der Russe, «ein Ehrenmann", habe geglaubt verfügungsberechtigt zu sein.
Wird der unbekannte Meisterwerk-Besitzer erscheinen? Das harte Urteil — ein Jahr und
sieben Monate Gefängnis, 30000 Mark Geldstrafe oder weitere 300 läge Gefängnis —
nahm W. gelassen und blicklos hin, mit der starr passiven Haltung, die ihn kaum je
verlassen hat. Gegen das Gesamturteil ist beim Reichsgericht Revision eingelegt worden.

Goethe-Ehrung in Paris

Die Ausstellung in der Bibliotheque Nationale
von ERHARD GÖPEL

In Paris mißt man Ausstellungen nach ihrem inneren Wert, nicht nach ihrer räumlichen
Ausdehnung. Solches Maß setzt urteilsfähige Besucher voraus, in denen eine Tradition
des Sehens lebt. Das Urteil fällt hier nicht die Kritik, sondern das Publikum, zu dem
sich wiederum jeder, auch der berufsmäßige Kritiker und der schaffende Künstler rechnet.
Dieses urteilsfähige, höchst differenzierte Publikum verbindet deshalb oft seine schönsten
Erinnerungen mit kleinen intimen Räumen, von denen jeder wieder seine besondere
Tradition des Ausstellens hat. Denn der Kunst des Sehens, die die Besucher üben, ent-
spricht eine Kunst des Sichtbarmacheus, des Ausstellens. Es ist oft eine hohe Ehre für
eine Sache, an einem bestimmten Platz ausgestellt zu werden. Der Ort der Goethe-
ausstellung verlangt, um seine ehrende Wahl ganz zu verstehen, eine Erklärung.
Was der Louvre für Frankreich bedeutet, hat die Welt eingesehen, weil seine Wunder
in einer ganz allgemein verständlichen Sprache sprechen; was aber die Bibliotheque
Nationale - wo man Goethe ehrte — dem Franzosen bedeutet, erschließt sich dem Fremdes
nur, wenn er lange Zeit selbst an diesem Ort gearbeitet hat. Ihrer Fama entspricht nur
wenig sonst in der Welt. Das British Museum nimmt in der Psvche des Engländers eine
ähnliche Stellung ein. In Deutschland fehlt eine Vergleichsmögliclikeit, da jedes der
Länder seinen literarischen und graphischen Schöpfungen eine eigene Heimat zu bereiten
sucht. Wenn eine kostbare Handschrift, ein für die Geistesgeschichte der Nation wichtiges
Manuskript in den Besitz der Bibliotheque Nationale gelangt ist, geht ein Aufatmen

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