Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 32.1933

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Bemerkungen eines Malers zum Problem der ab-
strakten Malerei

von RICHARD SEEWALD

Der Zufall führte mir in Rom eine deutsche Zeitung in die Hände, in
der ich las, daß sich in Berlin eine Künstlervereinigung gebildet hätte,
deren Mitglieder ausschließlich Maler und Bildhauer der abstrakten
Kunst sind.

Ich habe diese Gründung mit großer Genugtuung begrüßt als Zeichen
des Machtbewußtseins, des offiziellen Charakters, den diese Kunstrichtung
nun für sich in Anspruch nehmen will, habe sie begeistert begrüßt ge-
mäß dem Satze Schopenhauers, daß falsche Ideen desto schneller als
falsch erkannt werden, je ungehemmter sie sich entfalten können.
Was hat diese Künstler veranlaßt, erst jetzt sich zu dieser Vereinigung
zusammenzuschließen, obgleich sie bisher rast ängstlich vermieden, ge-
schlossen auszustellen, bei großen Ausstellungen gemeinsam und aus-
schließlich in einem Saal zu hängen, so gewissermaßen betrachtet sein
wollend als Außenseiter, Einzelne und Besondere, obgleich sie doch längst
Akademieprofessoren sind, Staatsmedaillen haben und in den Museen
hängen ?

Ist es der Erfolg Picassos, das offizielle Gesicht, das dessen große Aus-
stellung in Zürich trug; das erstaunliche Gerücht, daß 25000 Menschen
sie besucht haben:

Ich weiß es nicht, aber ich habe diese Ausstellung gesehen und wie ein
Blitz ist in mir die Uberzeugung aufgestanden, daß diese Ausstellung ein
„historischer Augenblick" in der europäischen Kunstgeschichte ist, und
ebenso spontan legte ich mir die Frage vor, was wohl ein gebildeter
Europäer, der nichts von Picasso und der abstrakten Malerei wüßte, zu
ihr sagen würde.

Hier hingen Rahmen an Rahmen, fast unzählige bemalte Leinwände, Bil-
der also, denn gerahmte und bemalte Leinwände bezeichnen wir gewohn-
heitsgemäß als Bilder.

(Es ist übrigens merkwürdig, daß die französische Sprache das Wort Bild
in diesem Sinne nicht kennt, sondern mit tableau, toile, nur die Fläche
bezeichnet und mit image nur die naiven Bilderbogen von Epinal.)
Bilder stehen aber für etwas, sind Abbilder, Zeichen. Die erste Frage, die
ein naiver Mensch vor einem Bild stellt, heißt: was ist hier dargestellt:
Was ist hier nun dargestellt; wofür stehen diese Bilder': Wer es sagen
kann, der trete vor. Geschwätz haben wir genug gehört.
Das stolze Wort Picassos ist bekannt: La nature existe - ma toile aussi.

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